Dich hat der Himmel geschickt

Manchmal passiert es aus heiterem Himmel. Und dann ist es auch viel, viel schöner als zu Geburtstagen oder Weihnachten, wo man vorher schon darauf wartet: Geschenke. Beschenkt werden. Manchmal sieht ein Geschenk nicht aus wie ein Geschenk. Manchmal hat es Arme und Beine und heißt: Mensch. Es hat einen Namen und ein Gesicht. Mein Geschenk hat viele Arme und Beine, viele Namen und Gesichter: Fünf, um genau zu sein. Mama, Papa, Kind, Kind, Kind. Mein Geschenk. Und das kam so:

Eigentlich lerne ich ja gerade für mein Examen. Verhältnis von Staat und Kirche, Spezialbegriffe für die Stücke im Gottesdienst und Wörter, die sich super fürs Galgenmännchenspiel eignen (wer kommt schon auf presbyterial-synodal?). Eigentlich. In der letzten Woche allerdings habe ich zusätzlich zum Lernen viel gebastelt, gegessen, mit Händen und Füßen gesprochen, bin umarmt worden und habe bis 10 zählen auf Dari gelernt. Kann man vielleicht nicht fürs Examen brauchen, aber fürs Leben. Ich habe viel Zeit mit einer Familie aus Afghanistan verbracht. Mama, Papa, Kind, Kind, Kind. Das war schön. Es hat sich mehr oder weniger zufällig so ergeben. Und mich bis unter die Haarwurzeln und bis in die Zehenspitzen mit Freude und Dankbarkeit erfüllt.

Ich habe in dieser Woche so viele wichtige Dinge gelernt, wie vermutlich in meiner ganzen Examensvorbereitung nicht. Und ich rede gar nicht vom Zählen auf Dari.Es ist so eine lange Liste, dass ich mich wundere, wie so viele Erfahrungen in eine Woche hineinpassen können.

  • Ich habe verstanden, warum es in unserem Land so viele Vorurteile und unbegründete Ängste gibt, wenn es um das Thema „Flucht und Flüchtlinge“ geht. Weil Menschen sich nicht die Mühe machen, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu erkennen, dass wir alle Menschen sind. Wir sprechen vielleicht unterschiedliche Sprachen, haben unterschiedliche Kulturen und Ideen vom Leben, aber wir sind Menschen. Wir haben (im besten Fall) alle eine Nase, 10 Finger und einen Bauchnabel. So sieht’s aus!
  • Ich habe gelernt, dass man nicht die gleiche Sprache sprechen muss, um sich zu verstehen.
  • Ich habe erkannt, dass Familie und Freunde das ist, was das Leben trägt.
  • Ich habe verstanden, warum man sagt, „Liebe geht durch den Magen“.
  • Ich habe verstanden, wie andere Kulturen die eigene bereichern können.
  • Ich habe erkannt, wie schwierig die deutsche Sprache ist und warum Gott zusätzlich Hände und Wörterbücher erfunden hat.
  • Ich habe gelernt, dass eine Hand manchmal mehr sagen kann als hundert Worte.
  • Ich habe verstanden, was es heißt, aufgenommen zu werden.
  • Ich habe gelernt, wie man Traumfänger bastelt und Kartenspiele erfindet.
  • Ich habe verstanden, dass man manchmal lachen kann und trotzdem traurig ist.
  • Ich habe gelernt, zuzuhören.

Und noch etwas habe ich gelernt: Es ist etwas falsch an dem Sprichwort „Geben ist seliger als nehmen“. Ich habe nämlich erfahren: Wenn man von Herzen gibt, dann bekommt man unendlich viel zurück. Diese Woche war ein Geschenk für mich. Ich glaube, dass man immer wieder im Leben, gerade in Phasen, in denen man glaubt, man beschäftige sich mit dem Wichtigen und Essentiellen, solche Erlebnisse braucht, die einem den Kopf zurechtrücken. Sie zwingen einen dazu, sich zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Was bringt mich weiter? Worin will ich meine Zeit investieren? Und sie helfen dabei, den Fokus im Leben neu auszurichten. Gutes entdecken. Offen sein für Geschenke, die das Leben mir machen will. Sie annehmen. Oder mit den Sportfreunden Stiller – Menschen treffen, bei denen man spürt: Du bist die Antwort auf die Frage, gibt es reiche Tage? Du kommst wie gerufen, triffst auf den Plan, den es nicht gibt … dich hat der Himmel geschickt!

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