Leicht ist es trotzdem nicht

Während meiner Examensvorbereitung habe ich in einem Haus mit vielen Büchern gewohnt. Bücher, in jedem Zimmer. Bücher bis unter die Decken. Dort habe ich seit langem mal wieder Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ gelesen. Eine wunderbare Geschichte über Ronja und Birk, die Freunde werden, obwohl ihre Familien verfeindet sind. Ein bisschen wie Romeo und Julia auf schwedisch und ohne knutschen. Wunderbar! Die beiden fühlen sich wie Bruder und Schwester, aber ihre Väter wollen sich ans Leben. Das macht beiden schwer zu schaffen. An einem Tag, es ist herrlichster Frühling, sitzen die beiden am Weiher. Sie können sich aber überhaupt nicht mehr richtig über den Frühling freuen. Astrid Lindgren schreibt: „Ronja grübelte. »Wenn ich dich nicht zum Bruder hätte, dann würde es mir vielleicht nichts ausmachen, daß Mattis Borka ans Leben will.« Sie sah Birk an und lachte auf. »Also ist es deine Schuld, daß ich jetzt so viele Sorgen habe!« »Ich will nicht, daß du Sorgen hast«, sagte Birk. »Aber auch für mich ist es schwer.« Lange saßen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.“

Ich liebe diese Stelle. Weil ich sie so schön finde, habe ich sie auf einen Zettel geschrieben, den ich immer in meiner Tasche herumtrage. Manchmal lese ich ihn im Krankenhaus vor, wenn ich bei Menschen bin, die wirklich traurig sind. Und wir überlegen gemeinsam, ob es nicht jemanden gibt, mit dem das Traurigsein einfacher wird. Manchmal gibt es jemanden. Aber nicht immer.

Das ist wirklich ein Schatz, wenn man in seinem Leben Menschen hat, die mit einem in der Traurigkeit ausharren. Die sich nicht fürchten vor den Tränen oder den trüben Gedanken und den endlosen Schleifen der Gedanken und Gespräche. Menschen, die einfach mit dasitzen, so wie Ronja und Birk, die gemeinsam am Weiher sitzen und es gemeinsam schwer haben. Ich glaube, dass man kaum eine wichtigere und schönere Erfahrung machen kann. Mitten in schlimmen und traurigen Zeiten. Dass jemand für mich da ist, der nicht sagt: „Jetzt muss es aber mal wieder gut sein.“ „Komm, reiß‘ dich zusammen.“ „Kopf hoch.“ Die Traurigkeit mit jemandem zu teilen macht sie manchmal erträglicher. Leicht wird sie aber trotzdem nicht.

Traurigsein kommt im Leben schonmal vor. In meinem jedenfalls. Es gibt größere und tiefere Traurigkeiten und Sorgen, Angst und Furcht. Und kleinere. Beim Abschiednehmen von lieben Menschen. Wenn Hoffnungen nicht wahrwerden. Beim Scheitern. Bei Trennungen. Bei Enttäuschungen. Die Malerin Paula Modersohn-Becker schreibt: „Traurigsein ist wohl etwas Natürliches. Es ist wohl ein Atemholen zur Freude, ein Vorbereiten der Seele dazu.“

Traurigkeit braucht ihren Platz im Leben. Sie lässt sich nicht einfach wegwischen, wie die Krümel auf der Arbeitsplatte. Traurigsein heißt immer auch hinschauen. Schmerzhaftes verarbeiten. Sich verabschieden von Menschen oder Dingen. Und sie damit würdigen und wertschätzen. Kostbares loslassen. Manchmal dauert es lange. „Lange saßen sie dort und hatten es schwer.“ Wie lange? So lange es dauert. Bis die Seele wieder aufatmen kann. So lange.

Ronja hat Birk. Birk hat Ronja. Nicht alle haben eine Ronja und einen Birk. Manche haben keinen, der mit ihnen am Weiher sitzt und das Schwere teilt. Und manchmal will man vielleicht auch niemanden. Ich glaube und hoffe trotzdem fest: „Der HERR ist nahe bei denen, die zerbrochnes Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagen Gemüt haben.“ (Ps 34,18). Manchmal ist Gott meine Ronja, mein Birk. Ich teile die Traurigkeit mit ihm. Das macht sie erträglicher. Leicht wird sie aber trotzdem nicht.

Diesen Beitrag habe ich für eine Aktion von http://in-lauter-trauer.de/ geschrieben.

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