Das Leben stricken

Ich stricke! Brandaktuell. Seit gestern. Also sollte ich vermutlich besser sagen: Ich habe begonnen, zu stricken. Gerade wohne ich mit zwei Freundinnen zusammen und lerne für unser bevorstehendes Examen. Wir haben überlegt: Wie kann man bloß zwischen Agenden, homiletischen Ansätzen und Staatskirchenrecht ein bisschen Ruhe und Entspannung finden? Ganz klar: Beim Stricken. Ich als absoluter Strick-Grünling muss mich dabei sosehr auf Wolle, Hände und Nadeln konzentrieren, dass ich keinen Platz für theologische Überlegungen in meinem Kopf habe.

Und wie das so ist, während man neue (manchmal auch alte und gewohnte) Dinge tut, kommen einem Gedanken. Mir geht es jedenfalls so. Mir kam der Gedanke, dass Stricken ziemlich deutlich wie das Leben ist. Vielleicht sehe auch nur ich diese Ähnlichkeit, weil ich mich gerade auf der Schwelle befinde. Ich bin im Übergang von der Ausbildung zum „echten“ Berufsleben und ich habe das Gefühl: spätestens jetzt ist Schluss mit lustig und es ist mal dran, erwachsen zu werden. Ich denke viel über das nach, was war und was kommt. Eben das Leben, rückwärts und vorwärts.

Wie ist das also mit meinem Gedanken zum Stricken und zum Leben: Man muss es erstmal lernen. Am Anfang ist es schwierig, das Leben in allen Facetten zu begreifen. So ein Kind entdeckt ja erstmal vom Kleinen ins Große, zuerst gibt es nur Mama und Papa, dann vielleicht auch Oma, Opa, den Postboten, die Erzieherin, den Supermarktverkäufer und den Hund aus Nachbars Garten. Es lernt, erst krabbeln, dann laufen, brabbeln und sprechen, schreiben, lesen, Schnürsenkel alleine binden. Leben ist lernen. Vermutlich hört das nie auf.

Manchmal verstrickt man sich. Ja, gerade am Anfang. Hier eine Masche fallen lassen und eine Schlaufe zu viel. Falsch links gestrickt oder am falschen Faden gezogen. Also, alles nochmal auf und neu. Das gibt es im Leben auch. Nur dass man da nicht alles, was nicht gelungen ist, wieder aufribbeln kann. Aber man kann aus dem lernen, was falsch lief. Man ärgert sich, verzweifelt manchmal über sich selbst und das eigene Scheitern. Aber Leben bleibt unfertig, wenn man beim ersten Fehler alles hinwirft. Genau wie beim Stricken.

Durchhaltevermögen. Das braucht es für beides. Nicht gleich aufgeben, wenn Dinge nicht gelingen. Wenn man nicht sofort Ergebnisse sieht oder die anderen alles viel besser, schneller, schöner können. Geduld. Und die nötige Gelassenheit, auch mal einen Knubbel im fertigen Schal zu ertragen, der da nicht hingehört.

Das Leben kann man nicht stricken. Man kann sich verstricken – zugegeben. In Dinge, in Menschen, in verzwickte Situationen. Leben kann man eben nur leben. Aber genau wie beim Stricken, weiß man nicht so genau, was am Ende herauskommt. Man kann planen und sich Dinge vorstellen, aber wie es aussehen wird, weiß man erst am Ende. Und ist es nicht so, dass der Sinn beim Stricken vor allem das Stricken selbst ist? Vielleicht, das ist mein Gedanke, gilt das auch fürs Leben. Leben um zu leben. Schön!

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Ein Gedanke zu “Das Leben stricken

  1. „Schluss mit lustig und es ist mal dran, erwachsen zu werden“?
    Ich würde dir wünschen, dass es auch wenn du „erwachsen“ bist (was ist das eigentlich?) niemals wirklich Schluss ist mit „lustig“.
    Gut, körperlich ist man irgendwann erwachsen und muss damit klar kommen, dass man vielleicht meint, zu klein geblieben zu sein – oder so groß gewachsen, dass man überall anstößt. Aber in der gesamten Entwicklung… ist man da irgendwann erwachsen?
    Ich habe auf jeden Fall bisher nicht den Eindruck, dass ich „fertig“ bin. 🙂
    Und lustig darf das Leben doch auch bleiben, wenn du mit der Ausbildung vollends fertig bist, oder etwa nicht?
    Und noch ein Satz zum Stricken. Für mich ist der Unterschied zwischen Stricken und Leben: Beim Stricken bin und bleibe ich allenfalls Zuschauer. Beim Leben genügt mir das Zuschauen nicht. Da will ich mitmischen! 🙂

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