Schweinehund und Schweinsbär

Als ich fünf Jahre alt war, war Lotta meine Superheldin. Lotta aus der Krachmacherstraße. Die wilde, unbezwingbare, dickköpfige Lotta. Die Lotta, die immer mit einem Bären herumlief, der keiner war. Astrid Lindgren erzählt: „..Der Teddy, das ist ein großes rosa Stoffschwein, das gehört Lotta, und das will sie überallhin mitnehmen. Sie denkt, es ist ein Bär, und darum nennt sie es Teddy. “Aber es ist ein Ferkel, und das ist es immer gewesen”, sagt Jonas.Dann weint Lotta und sagt, es ist ein Bär. “Bären sind aber nicht rosa”, sagt Jonas. “Denkst du, es ist ein Eisbär oder ein gewöhnlicher Bär?” “Es ist ein Schweinsbär”, sagt Lotta.“

Ich wünschte mir, ich wäre wie Lotta und hätte einen Schweinsbär. Aber alles was ich habe, ist ein Schweinehund. Mein Schweinehund findet schönes Wetter besser als Lernen. Er will lieber Gilmore Girls gucken als examensrelevante Texte lesen. Und am liebsten treibt er sich natürlich draußen bei den Pferden rum – ein Platz am Schreibtisch ist eben nichts für Schweinehunde. Und wenn man es genau nimmt, ist er ein Eigentlich-Tier. Ein Eigentlich-Schweinehund. Er hält mich davon ab, wichtige Dinge zu tun und erinnert mich gleichzeitig an sie: „Eigentlich sollte ich jetzt…“ Und dann bekommen die schönen Dinge, die ich mache, einen blöden Beigeschmack: Sie schmecken nach schlechtem Gewissen. Nach Eigentlich. Nach Eigentlich-Schweinehund.

Ich möchte meinem Eigentlich-Schweinehund gerne beibringen, ein Schweinsbär zu werden. Ersten klingt das schöner. Zweitens erinnert mich das an Lotta und das ist an und für sich schon gut. Drittens: Ein Schweinsbär, so stelle ich mir das vor, ist ein Schweinehund ohne „Eigentlich“. Denn dann wäre dieses Tier ja zu etwas zu gebrauchen. Einer, der mich davon abhält, immer fleißig, ordentlich und rechtschaffen zu sein. Ohne „Eigentlich“. Einer, der mich dazu bringt, lauter schöne Dinge ohne Sinn und Zweck zu tun – und vor allem: ohne „Eigentlich“. So ein Schweinsbär wäre mein engster Verbündeter, mein Freund. Er würde mich aus der Mühle des Leisten, Leisten, Leisten herausholen und mitnehmen zu Ausflügen in die Unbeschwertheit und pure Freude.

Ja, ich glaube, jeder braucht so einen Schweinsbär. Auch wenn man ihn natürlich nicht so nennen muss. Achtsamkeit, nennt ihn gerade z.B. die psychologische Trendliteratur. Oder die innere Freundin, den inneren Freund. Sei gut zu dir selbst. Finde heraus was du willst. Gönn‘ dir was. Genieße. Lebe. Oder eben: Leg dir einen Schweinsbär zu.

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