Über Pferde, Nebel und das Neue (Jahr)

Es ist wieder soweit. Ein Jahr geht zu Ende. Und am Ende sagen wir alle – wie immer: „Wo ist die Zeit hin? Dieses Jahr ist nur so dahingeflogen.“ Und während wir das sagen, bereiten wir vermutlich gerade einen Salat oder eine Bowle für die Silvesterparty heute Abend vor, hüpfen schnell unter die Dusche und sind mit mindestens einem Zeh eigentlich schon im neuen Jahr. Da sind Termine, die anstehen, eine Frist an der Arbeit, ein Urlaub, der geplant ist oder – wie bei mir – ein Examen, das noch erledigt sein will. In all dem Trubel habe ich mir gestern den Luxus gegönnt und mir Zeit genommen, das alte Jahr nochmal zu bedenken, ehe ich es gegen das neue eintausche.

Gestern, bei herrlichstem Sonnenschein, bin ich mit meinem kleinen Isländer über die Felder geritten und habe den Nebel bestaunt, der sich im Tal unter mir ausgebreitet hatte. Nichts zu sehen von Trier. Kein Haus, keine Straße – nur die Spitze vom Fernmeldeturm auf dem Petrisberg ist oben aus dem Nebelmeer rausgeblitzt. Ich habe mich ein bisschen gefühlt, wie der einsame Wanderer auf dem berühmten Gemälde von Caspar David Friedrich. Nichts zu erkennen weit und breit. Nur ein Meer aus Nebel. Mir kam der Gedanke: Fast wie das neue Jahr, das vor mir liegt. Es liegt noch im Nebel. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Das Gerüst mag stehen – vielleicht in meinem Terminkalender. Aber was wartet sonst noch auf mich an Aufgaben und Herausforderungen, die ich noch nicht kenne? Wird es ein gutes Jahr für mich werden?

In der Zeit zwischen altem und neuen Jahr ist man irgendwie in der Schwebe. Vielleicht redet man deshalb auch von der Zeit „zwischen den Jahren“. Nicht richtig hier und nicht richtig dort. Ich nehme in diesen Tagen die Zeit, das Leben, das Sich-Verändern ganz besonders stark wahr. Auch meine eigenen Lebensängste und -zweifel. Da ist dieser Nebel vor mir. Nicht nur das neue Jahr, denn es steht ja nur symbolisch für all das Neue im meinem Leben, all das, was noch wartet und von dem ich noch nichts weiß.

Ich stand gestern ziemlich lange auf diesem Feld und habe in den Nebel geschaut. Mein Pferd unter mir war ganz still, fast als ob es spürte, dass sich wichtige Dinge in meinem Hirn ereignen. Aber dann ist es einfach von alleine losgegangen. Vermutlich hatte es einfach nur die Warterei satt. Wir sind losmarschiert, weiter über die Felder und immer mehr zu auf diese Wand aus Nebel. Und mir wurde klar, dass es gar nicht anders geht: Wir müssen losgehen, wir haben gar keine Wahl, denn das Neue kommt. Egal, ob wir nun erstarren vor Veränderungsangst oder begeistert darauf zustürzen. Es kommt und zwar nicht nur mit dem neuen Jahr, sondern im Grunde jeden Morgen, wenn wir die Augen aufschlagen und ein neuer Tag vor uns liegt. Das Leben kommt und verändert sich. Ich kann mich nicht auf alles vorbereiten, nicht für alles schon einen fertigen Plan in der Schublade haben. Ich muss mich vermutlich einfach mitnehmen lassen.

Mir hilft es, das wurde mir gestern auf dem Rücken dieses sanften und geduldigen Tieres klar, wenn es etwas in meinem Leben gibt, auf das ich vertraue. Etwas, von dem ich mich tragen lassen kann in den Nebel, in alles Neue und Unbekannte hinein. Für mich ist es mein Glaube. Er trägt mich. Meinem Gott vertraue ich, mal mehr, mal weniger. Aber es hilft mir, zu wissen, dass ich jemanden bei mir habe, der mit mir in den Nebel der Zukunft aufbricht.

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