Fliegen

Heute morgen hat es draußen wieder mal gestürmt – als ob Trier geradezu an der Nordsee liegt, so kam es mir vor. Ich bin gegen halb 9 mit meinem buntgestreiften Regenschirm am Trierer Dom vorbeispaziert, als eine besonders kräftige Böe um mich herumzischte. Für einen kurzen Moment habe ich da heute Morgen vergessen, dass ich 26 und damit eigentlich schon erwachsen bin. Denn als Kind habe ich bei dieser Gelegenheit immer versucht zu fliegen. So wie Madita. Nur dass ich dazu nicht gleich mit dem Schirm vom Dach gesprungen bin, sondern bei ordentlich Wind einfach auf eine kräftige Böe gewartet habe. Als kleines Mädchen hat das sogar ansatzweise funktioniert. Meine Eltern hatten  einen riesigen Familienregenschirm und wenn man den fest genug gepackt hatte und dann im richtigen Moment unter die Böe sprang, dann ist man für einen kleinen Augenblick abgehoben. Daran dachte ich heute morgen, als ich am Dom vorbeispazierte. Und in dieser herrlichen Erinnerung bin ich dann auch mit meinem Regenschirm ein Stück in die Luft gehüpft, in voller Erwartung, gleich einen guten Meter weit zu segeln. Hat leider nicht geklappt. Es gab nur ein paar irritierte Blicke von Passanten. Und ein Mann, der schrägt gegenüber Bäume zurechtstutzte, rief: „Wir sind doch nicht bei Pippi Langstrumpf hier.“ „Dann bräuchte ich auch keinen Schirm, sondern ein Fahrrad,“ hätte ich am liebsten geantwortet. Hab‘ es aber dann doch gelassen.

Schade. Wie herrlich wäre das gewesen, mit dem Schirm ein paar Sekunden durch die Luft zu sausen. Davon träume ich tatsächlich nachts manchmal. Abzuheben und über Häuser und Menschen hinwegzufliegen. Ich habe auf dem Weg noch weiter darüber nachgedacht. Und mir kam ein Gedanke: Zum Fliegen muss man leicht sein. Nicht umsonst haben Vögel diese erstaunlich gestalteten Knochen, die zum Teil mit Luft „gefüllt“ sind. Aber jetzt kommt die Fastenzeit, kam mir fast zeitgleich in den Kopf. Nicht, dass ich plane, durch eine strenge Rationierung an Süßigkeiten, Alkohol und anderen leckeren Dingen an Gewicht zu verlieren. Ich befürchte fast, dass auch das nichts an meiner Fluguntauglichkeit ändert. Aber ich glaube doch, dass die Fastenzeit eine Zeit ist, die leichter machen kann. Weil man sie nutzen kann, um darüber nachzudenken, was man im und zum Leben tatsächlich braucht. Und ob es nicht Dinge gibt, die einen schwer machen, runterziehen sozusagen. Heute morgen sagte im Radio einer der Moderatoren, dass er „Lügen“ fastet. Immerzu ehrlich sein. Spannend, dachte ich. Ich versuche es dieses Jahr mal mit dem Ärgern. Und der daraus resultierenden miesen Stimmung. Denn das habe ich in letzter Zeit wieder viel zu oft gemacht. Mich geärgert. Dabei hatte ich sogar vor einiger Zeit mal geschrieben, dass damit ein für alle Mal Schluss sein sollte. Gut, dann fange ich erstmal mit sechs Wochen an. Das sollte ja zu schaffen sein. Vielleicht macht mich das ein bisschen leichter. Und beim nächsten Ostersturm kann ich es ja dann nochmal probieren. Draußen. Mit meinem Regenschirm.

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