Nichtstun

Gestern bin ich nach dem Spinning noch kurz in die Sauna gehüpft. Erst war es noch recht leer, aber dann kamen zwei junge Frauen, etwa in meinem Alter dazu. Sie fingen an sich zu unterhalten. Über den ganzen Stress an der Arbeit. Eine hatte sich krank gefühlt an dem Morgen. „Aber krank werden geht jetzt gar nicht. Das kann ich mir nicht leisten. Wenn ich meine ganzen Termine im Moment nicht wahrnehme – wie soll das gehen? Dann bricht da alles zusammen! Ne, krank werde ich dann erst an Weihnachten.“

Wie oft habe ich mich das auch schon sagen hören: Krank werden kann ich mir jetzt nicht leisten. Wenn man in einem Moment der Ruhe und Entspannung diesen Satz aus dem Mund eines anderen Menschen hört, merkt man erstmal, wie bescheuert das ist, was man da sagt. Das kann ich mir nicht leisten! Krank werden. Gesund werden. Zeit für mich. Nicht drin! Ich glaube, dass viele Menschen in dieser Gesellschaft über so eine Haltung überhaupt erst krank werden. Wie oft erwische ich mich selbst bei dem Gedanken daran, dass, wenn ich es nicht mache, es nicht gemacht wird. Unersetzlich sein. Ohne mich läuft nichts. Ja, das hätte ich vielleicht gerne. Aber so ist es nicht. Niemand ist unersetzlich. Oder anders: Jeder ist ersetzbar. Was sich vielleicht erstmal ziemlich hart anhört, klingt in meinen Ohren doch ganz gut. Zu wissen, dass nicht alles an mir hängt, entlastet von dem Gedanken, dass ich die Verantwortung für alles trage. Und selbst wenn etwas liegenbleibt: Geht denn davon die Welt unter? Kann ich dann nie mehr aus dem Haus gehen?

Leisten wir uns doch mal (den Luxus?) unsere Krankheit auszukurieren. Mit der uns unser Körper meistens sagen will: Ruh‘ dich aus. Gönn dir die Ruhe. Denn ich bin gerade viel zu schwach, um bei deinem Hochleistungsleben mitzuhalten. Und warten wir nicht erst, bis wir gar nicht mehr können. Das Leben ist mehr als Arbeit. Was für ein Glück. Manchmal muss ich mich daran erinnern. Oder andere erinnern mich. Wie die jungen Frauen gestern. Heute bin ich anders durch die Stadt gegangen. Nicht wie ein geölter Blitz zum Unterricht durch die Straßen gezischt. Ich bin langsamer gegangen. Habe einem Musiker an der Ecke zugehört: „Would you know my name, if I saw you in heaven?…“ Das Leben ist mehr als Arbeit. Ich sollte es auch leben. Genießen. Nicht alles durchtakten. Auch mal eine Stunde mit Nichtstun vertrödeln. Wie hat heute morgen eine Schülerin formuliert: „Gott hat bestimmt keinen Stundenzettel für uns. Und auch keine To-Do-Liste!“

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