Es ist genug für alle da

Einen schönen Sonntag euch allen! Für alle Interessierten gibt es heute meine Predigt zum Erntedankfest zum Nachlesen, allerdings in einer etwas verändert Web-version.

Markus 8,1-9  1Zu dieser Zeit war wieder eine große Volksmenge bei Jesus zusammengekommen. Da die Menschen nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich. Er sagte zu ihnen: 2 „Die Volksmenge tut mir Leid. Sie sind nun schon drei Tage bei mir und haben nichts zu essen. 3 Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen – denn einige von ihnen sind von weit her gekommen.“ 4 Seine Jünger antworteten ihm: „Wo soll in dieser einsamen Gegend das Brot herkommen, um diese Leute satt zu machen?“ 5 Und er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr?“ Sie antworteten: „Sieben.“ 6 Und er forderte die Volksmenge auf, sich auf dem Boden niederzulassen. Dann nahm er die sieben Brote. Er dankte Gott, brach sie in Stücke und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen. Und die Jünger teilten das Brot an die Volksmenge aus. 7 Sie hatten auch noch einige kleine Fische. Jesus sprach das Segensgebet über sie und ließ sie ebenfalls austeilen. 8 Die Menschen aßen und wurden satt. Danach sammelten sie die Reste und füllten damit sieben Körbe. 9 Es waren etwa viertausend Menschen. Jetzt schickte Jesus sie nach Hause.

Das Glöckchen über der Tür klingelt. Ich trete aus dem dampfenden Nebel in die warme Bäckerei. Ein herrlicher Duft steigt mir gleich in die Nase. Der Duft von frischgebackenem Brot. Weizenmischbrot, Roggenbrot, Vollkornbrötchen, Fintschgauer, Kümmelbrot, Ciabatta, Laugenbrötchen, Gewürzbrot, Baguette, Hefebrötchen, Dinkelbrot… Dieser Geruch weckt bei mir Erinnerungen. Erinnerungen an das, was in meiner Familie über Brot erzählt wird. Mein Vater erzählt von den Tagen, an denen sie mit allen Leuten aus dem Dorf im großen Backhaus selbst Brot gebacken haben, in einem Ofen, der mit Obsthölzern angeheizt wurde. Meine Mutter erzählt von dem Brot, das ihre Großmutter ihr auf dem alten Backofen frisch röstete – mit Butter und Karokaffe. Mir fällt gleich der Streit um das Knüspchen, Ränftchen oder wie das knusprige kleine Ende des Brotes in den Familien sonst genannt wird ein, wenn wir vom Einkaufen mit einem frischen Brot nach Hause kommen. Meine Großmutter isst am liebsten das alte Brot, das schon langsam hart und zäh wird. Mein Großvater dagegen mochte nur frisches: Denn altes, ist morgen immer noch alt.

Brot – das ist nicht nur eines unserer Grundnahrungsmittel. Es steht auch symbolisch für all das, was wir zum Leben brauchen. Wenn ich im Vater Unser um das tägliche Brot bitte, dann meine ich nicht nur mein tägliches Käsebrot. Ich meine mehr: Das, was ich brauche, um gut zu leben. Nahrung, Kleidung, ein sicheres Land, in dem ich leben kann. Eine Arbeit, die mich ernährt, ein Dach über dem Kopf. Freundschaft, die Möglichkeit zu lernen, frische Luft, Gesundheit, Freiheit. Das tägliche Brot – ein Symbol für all das, was ich zum Leben brauche. Nicht zum Existieren. Sondern zum Leben.

Menschen kamen zu Jesus und suchten bei ihm mehr als nur Brot, von dem sie satt werden konnten. Sie kamen, weil sie Hunger hatten auf mehr. Vielleicht kann man es einen Hunger nach Leben nennen. Sie hatten vermutlich viel gehört von diesem wundersamen Menschen, der im Land umherzog, Kranke heilte, Wasser in Wein verwandelte und sich mit den ärmsten und ausgestoßenen der Gesellschaft an einen Tisch setzte. Ein Mann, der eine Ehebrecherin freisprach und sich von einer Prostituierten die Füße waschen ließ.

Wundersam ist ja auch das, was sie hier mit Jesus erleben. So viele Menschen und dann das: Sieben Brote und ein paar mickrige Fische. Die Geschichte erzählt es: Es reicht für alle. Und es bleibt sogar noch etwas übrig. Sieben Körbe. Sieben Brote. Da bleibt sogar ziemlich viel übrig. Heute Morgen geht es mir gar nicht um die Frage: Kann das wirklich so geschehen sein? Können viertausend Menschen von sieben Broten und einigen Fischen satt werden, wenn Jesus im Boot ist? Dann hätten wir das Hungerproblem auf unserer Welt ziemlich schnell im Griff. Ich frage mich vielmehr: Warum war diese Geschichte so wichtig, dass sie über Jesus erzählt und überliefert wurde, dass sie sogar schließlich ihren Platz in der Bibel fand? Neben der Speisung der 4000, die in den Evangelien zweimal zu finden ist, gibt es ja auch die ganz ähnliche Geschichte von der Speisung der 5000, die sogar in allen vier Evangelien überliefert ist.

Menschen kamen zu Jesus, weil sie ahnten, dass sie bei ihm mehr finden würden, als Brot zum Essen. Sie haben die Erfahrung gemacht: Jesus macht viele Menschen satt. Mit so wenig. Und diese Erfahrung hat in der Erzählung über die Speisung der 4000 und der 5000 überlebt. Ganz egal, was damals geschehen ist und was nicht. Diese Erfahrung, die Menschen mit Jesus und ihrem Glauben gemacht haben, war ihnen so wichtig, dass sie sie weitergegeben haben.

Jesus fragt seine Jünger auf ihre verzweifelt Frage hin, woher sie denn Brot für eine so große Menge an Menschen auftreiben sollten: „Wie viele Brote habt ihr?“ Es sind sieben. Dafür, dass wir hier mitten in einem Speisungs- oder Vermehrungswunder sind, wie man diese Textsorte theologisch nennt, bleibt Jesus erstaunlich realistisch. Kein Hokuspokus oder Abrakadabra, mit dem er die sieben Brote in 70 oder 700 verwandelt. Ein realistischer Rat: Schau, was du hast. Und dann: Arbeite mit dem, was du hast. Auch wenn es dir wenig erscheint. Das ist dein Kapital zum Leben. Du hast nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Was du hast, ist genug. Es reicht nicht nur für dich selbst, sondern sogar noch für andere. Und wenn du das, was du hast, für andere Menschen einsetzt, dann wird es sich dabei vermehren.

Jesus lädt mich in dieser biblischen Geschichte heute am Erntedankfest dazu ein, mein Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Nicht auf das zu schauen, was ich nicht habe. Sondern das wahrzunehmen, was ich habe. Und das ist viel. Ich habe ein Dach über dem Kopf, ich habe jeden Tag etwas zu essen. Ich habe Menschen, die mir nahe stehen und eine Arbeit. Dafür bin ich dankbar. Sicher – ich arbeite für das Dach über meinem Kopf, das Essen im Kühlschrank bezahle ich von meinem Konto. Ich bezahle eine Versicherung, für den Fall, dass ich krank werde. Ich strenge mich an, um meine Freundschaften zu erhalten, pflege den Kontakt zu meinen Eltern selbst. Ich könnte, frei nach Bart Simpson sagen: Lieber Gott, ich danke dir für gar nichts; ich habe alles selbst bezahlt!

Aber ich bin doch auch Empfangende, auch wenn ich etwas leiste. Weil ich wahrnehmen kann, wie reich ich bin. Wie gut es mir geht. Und ich hoffe darauf, dass ich einmal, wenn ich nichts mehr leisten kann, immer noch genug das, was ich zum Leben brauche, empfangen darf. Dankbarkeit ist für mich eine Haltung, die aus meinem Glauben wächst. Das mag bei anderen anders sein. Bei mir ist es so. Dankbarkeit ist für mich eine Lebenshaltung, die mir immer wieder bewusst macht, dass ich nicht alles selbst machen und erhalten kann in meinem Leben. Wäre ich in einem Land geboren, in dem Krieg herrscht, würde ich dann noch leben? Wäre ich dann auch auf der Flucht vor Hunger und Gewalt? Wäre ich in einer Familie geboren, die ihren Kindern nicht mit auf den Weg gibt, freie und selbstbewusste Menschen zu werden, würde ich dann heute so hier stehen? Dankbarkeit heißt für mich, nicht als selbstverständlich zu nehmen, was ich habe. Daran erinnert mich heute das Erntedankfest. Auch, wenn es, gerade hier bei uns in der Stadt, kein Erntefest im traditionellen Sinne mehr ist. Es ist ein Fest, das mich achtsam werden lässt dafür, dass mein Leben reich beschenkt ist. Ich danke Gott für Leben und Fülle. Die Erntegaben, die hier auf dem Altar liegen, sind Symbol für all das. Wie das tägliche Brot, um das ich bitte.

Die Menschen, die in diesen Tagen zu hunderten und tausenden in unser Land kommen, zeigen mir das nur noch deutlicher. Wie dankbar ich sein kann, hier zu leben. In Sicherheit und Wohlstand. Jesus fordert mich in dieser biblischen Geschichte von der Speisung der 4000 dazu auf, nicht bei meiner Dankbarkeit stehen zu bleiben. Sie soll mein Antrieb zum Handeln in der Welt werden. Was hast du? fragt er mich. Dann arbeite mit dem, was du hast. Teile mit den Hungernden dein Brot und deine Hoffnung. Deine Zukunft. Deine Geborgenheit. Deine Nähe und Träume, Sehnsucht und dein Vertrauen. Denn es ist genug da für dich. Und mehr noch: Für uns alle.

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