Schwarz, weiß, bunt

Als Jugendliche hatte ich ein sehr ausgeprägtes schwarz-weiß-Denken. Vielleicht ist das so eine Sache, die zum Jugendalter gehört, dieses Denken in Extremen. Etwas ist entweder gut oder schlecht. Dazwischen gibt es keinen Spielraum. Ich war damals in einer Gemeinde, die ein bisschen anders ist als andere landeskirchliche Gemeinden, die ich so kenne. Da gab es Worship und Kinogottesdienste, öffentliche Bekenntnisse, Hauskreise, WWJD-Bändchen und vieles mehr. In dieser Zeit habe ich auch einige Freikirchen und Jugendkirchen in Deutschland kennengelernt. Etwas ganz anderes, als in meinem Arbeitsalltgag jetzt als Vikarin. Ich habe mich immer wohlgefühlt dort. Bis der Tag kam, an dem es mir irgendwie zu eng wurde. Ich konnte nicht mehr alle Überzeugungen teilen, habe vieles kritisch gesehen, was ich lange geglaubt und mitgemacht habe. Und da gab es dann für mich nur die Alternative: Love it or leave it! Und ich bin gegangen. Und habe mit diesem Tag alles für schlecht befunden, was ich dort erlebt habe.

Aber auch ich bin natürlich irgendwann älter geworden. Ich habe Theologie studiert und mich mit vielen Fragen des Glaubens auseinandergesetzt. Ich habe Praktika in Gemeinden gemacht. Mit Menschen über Gott und die Welt gesprochen. Und irgendwann habe ich entdeckt, dass das, was ich da in meiner Jugend erlebt habe, ein riesiger Schatz für mein Leben ist. Ich habe in dieser Gemeinde eine tolle Förderung erfahren, konnte auf Schulungen viel von mir selbst entdecken. Der Jugendpfarrer hat es geschafft, jeden und jede einzelne als Mensch mit Stärken zu sehen und diese Stärken zu fördern. Ich habe lange geglaubt, dass mich nur mein Großvater, der Pfarrer ist, in meinem Berufswunsch geprägt hat. Aber das ist vermutlich nicht ganz richtig. Meine Zeit in der Jugendarbeit dieser Gemeinde hat es mit Sicherheit auch. Das Erleben von echter und offener Gemeinschaft zwischen Menschen, Erfahrungen mit Gott zu machen. Ich habe dort gelernt, wie man frei betet, wie man von dem erzählen kann, was man glaubt. Lange habe ich das gar nicht gesehen, aber ich habe dort große Schätze für mein Leben gesammelt. Auch zu wissen, was ich nicht tun und glauben will.

Vielleicht ist das eine Sache, die sich mit dem Erwachsenwerden einstellt – oder einstellen kann. Dass man Dinge im eigenen Leben anders bewertet. Dass der Spielraum zwischen schwarz und weiß größer wird. Dass man sich traut, alle Phasen seines Lebens anzusehen und als wichtig zu bewerten. Ich denke, es ist ein Geschenk, wenn man das kann. Wenn man auf all das blickt, was man erlebt hat und erkennt, dass alles das eigene Leben mitgeformt hat. Da gibt es gute Erfahrungen auf dem Weg und schlechte. Leichtes und schweres. Und wenn man viel Glück hat, dann entsteht aus allem irgendwann Sinn. So etwas wie ein Aha-Effekt.

Ich betrachte diese Zeit in meinem Leben als einen Schatz. Das ist für mich eine wunderbare Erfahrung. Nicht alles ist einfach nur gut oder schlecht. Es gibt Facetten dazwischen. Dinge können mich bereichern, auch wenn ich sie so heute gar nicht mehr machen würde. Aber sie haben mich geprägt und mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Ich denke, dass ist eine Form von Gnade, die uns als Menschen da gewährt wird. Unser eigenes Leben anzunehmen und uns aus unseren Erfahrungen bereichern zu lassen.

Diese Woche erst habe ich ein Bild entdeckt. Genau 10 Jahre ist das jetzt her. Ich bin dort mit einigen anderen Jugendlichen zu sehen, auf einer Freizeit in Holland. Ich kann mich noch ganz genau erinnern.Ich denke mit einem Schmunzeln zurück. Mit Freude. Und Dankbarkeit. Auch, wenn ich heute einiges anders sehe. Wenn ich ein anderes Bild von Kirche oder Gemeinde habe. Meines ist eben nicht das einzig wahre. Das ist ja das Wunderbare: Die Welt ist bunt. Nicht nur schwarz oder weiß.

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