Appell an unsere Menschlichkeit

Ich kann es nicht vergessen. Seit Tagen nicht. Das Bild des kleinen Jungen, der leblos an einem türkischen Strand liegt. Aylan Kurdi. Angespült wie Strandgut. Es verfolgt mich überall hin. Ich habe geweint, als ich das Bild gesehen habe. Vermutlich – und hoffentlich – war ich damit nicht alleine. „Die Menschlichkeit weggespült“, „Die Welt muss sich schämen“ – so titelten einige große Tageszeitungen. Ja, es ist beschämend: Dass erst ein solches Bild uns richtig wachzurütteln vermag. Ein Bild, das der Familie und dem Jungen selbst auf grausame Weise Berühmtheit vermittelt. Ein Bild, das dem Elend einen Namen gibt. Es scheint, als ob sie alle im Namen und im Bild dieses Jungen mit Wucht auf uns kommen, all die Namenlosen, die auf der Flucht bisher schon ihr Leben verloren haben.

Es schüttelt mich, es erfasst mich mit Grauen. Wir lassen zu, dass so etwas in Europa geschieht. Was zählen unsere Werte noch, die wir immer so hoch halten, wenn so etwas an den Küsten unseres Kontinents geschieht? Wir können sie genauso mit Füßen treten – wir tun es ja schon. Sie alle haben einen Namen. Sie alle haben eine Geschichte, die sie hierhertreibt. Ich denke, dass es das ist, was das Bild dieser Welt zu sagen hatte. Die 71 erstickten Flüchtlinge – sie hatten einen Namen. Ein Leben. Menschen, die sie jetzt vermissen. Alle, die auf dem Weg hierher ertrinken, die verdursten, vor Erschöpfung sterben – sie haben einen Namen. Sie haben eine Familie. Sie wollen leben. Genau wie ich.

Ich kann nicht mehr zuschauen – das wurde mir in dieser Woche klar. Ich kann es nicht mehr beim Kleider- und Geldspenden belassen. Hier in Trier kommen jeden Tag hunderte Menschen aus Fluchtgebieten an. Auch sie haben Namen. Sie sind Menschen, wie ich und du. Ich muss etwas tun. Beschämend, dass es so lange gedauert hat, das zu begreifen. Dass es erst das Bild eines toten Kindes brauchte, um mich so zu berühren. Das bekenne ich. Deshalb werde ich jetzt etwas tun. Das, was ich tun kann. Es wird vielleicht nicht viel sein. Aber es kommt mir besser vor, als nichts zu tun. Zu sagen: Ihr seid willkommen ist das eine. Es die Menschen, die hierher kommen spüren zu lassen etwas anderes.

Es muss viel geschehen. Vor allem müssen die Ursachen für Flucht bekämpft werden. Nur Symptome angehen bringt uns in dieser Lage nicht weiter. Wir brauchen von der Regierung, vor allem aus Europa und von der UN mutige Entscheidungen. Ich hoffe, dass sie getroffen werden. Es muss viel geschehen in unseren Köpfen. In diesem reichen Land. Muss denn erst ein Flüchtlingsheim brennen, in dem Menschen sterben, bis etwas getan wird? Wo bleibt unsere Menschlichkeit? Lassen wir nicht zu, dass unsere Werte mit Füßen getreten werden. Lassen wir nicht zu, dass unsere Angst unsere Menschlichkeit besiegt. Ich bitte euch! Wacht endlich auf ihr Wutbürger und Angstbürger – niemand nimmt euch etwas weg. Hierher kommen Menschen, die um ihr Leben rennen. Für die unser Land wie das Paradies erscheint. Und wenn ich diesen Tagen für etwas bete, dann sind es die Menschen, die sich auf den Weg machen. Die ihn schaffen und ihn nicht schaffen. Und die Menschen, denen Köpfe und Herzen zugemauert scheinen, die nur sich sehen und keine Augen für das Leid der anderen habe. Dass sie erkennen, was sie anrichten mit ihrem Zorn. Ich habe es schon einmal geschrieben in diesem Jahr. Als Christin lebe ich unter einer Jahreslosung, die lautet: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Danach will ich leben.

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2 Gedanken zu “Appell an unsere Menschlichkeit

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