Kleine große Lügen

Ich habe heute einen interessanten Artikel auf ze.tt gelesen. Es ging ums Lügen. Um die kleinen, alltäglichen Lügen, die wir vermutlich gar nicht als solche wahrnehmen. Und um die Vorstellung, wie es wäre, wenn wir alle ehrlich miteinander umgehen könnten. Das fängt für die Autorin des Textes schon im Kleinen an: Wie geht es dir? Gut. Vielleicht geht’s dir gar nicht gut. Aber das wäre zu kompliziert, das jetzt zu erklären. Und überhaupt: Ob es den anderen wirklich interessiert? Ist das schon eine Lüge? Ich bin mir nicht so sicher. Für mich hat das eher etwas mit Konventionen und Situationen zu tun. Bekannte aus Amerika sind immer wieder überrascht, wenn man auf ihre Frage: How are you doing? etwas anderes antwortet als: I’m fine, how are you doing? Für sie ist diese Frage einfach eine Höflichkeitsformel, genau wie Hallo oder Tschüss.

Für mich fängt hier die Alltagslüge noch nicht an. Mir geht’s gut zu sagen, ohne dass es mir gut geht, kann auch heißen: Ich möchte einfach nicht drüber reden. Oder: Die Situation ist unpassend für ein Gespräch über meine echte Befindlichkeit. Oder einfach: Geht dich nix an. „Gut“ ist höflich und macht kein großes Fass zwischen Tür und Angel auf.

Und trotzdem hat mich der Artikel irgendwie nachdenklich gestimmt. Ich finde es irgendwie blöd, dass es die Höflichkeit gebietet, zu lügen. Und ich nehme mich da gar nicht raus. Da fragt einen die Freundin: „Wie findest du meine neue Frisur?“ „Schön! Sieht toll aus.“ Aber eigentlich fand ich es vorher viel schöner. Der reservierte Tisch ist nicht frei, ich muss eine halbe Stunde warten. „Ist das ein Problem für Sie?“ „Nein, kein Problem!“ Und eigentlich denkt man sich: Ja, verdammt. Ich hab‘ doch extra reserviert und einen riesen Hunger! Oder an der Kasse: „Können Sie mich kurz vorlassen, ich hab‘ nur das eine Teil?“ „Ja, gerne.“ Oh man, ich habe es selber eilig. „Warum hast du nicht zurückgeschrieben?“ „Hab‘ deine Nachricht eben erst gelesen.“ Ich hatte einfach keine Lust eben.

Ich bin unentschieden. Finde ich es besser, höflich zu sein und das, was man wirklich denkt einfach für sich zu behalten? Oder möchte ich immer gerade heraus sagen, was mir durch den Kopf geht? Und fast glaube ich, dass es auch hier so ist, wie es im Leben immer ist: Es gibt kein absolutes Richtig oder Falsch. Und der Schlüssel: Fingerspitzengefühl. In manchen Situationen täte es mir wirklich gut, ehrlicher zu sein. „Du, ich hab‘ heute einfach keine Lust zu kochen.“ Ich möchte nicht, dass mein ganzes Leben abläuft, wie ein Bewerbungsgespräch, wo man auf die Frage: „Was sind denn Ihre größten Schwächen?“ nur noch antworten kann: „Ich bin manchmal zu perfektionistisch.“ Eigentlich müsste ich sagen: „Wenn ich Hunger habe, werde ich so richtig zickig und manchmal kann ich mir das Augenrollen einfach nicht verkneifen, wenn jemand was total Bescheuertes sagt! Außerdem will ich immer Recht haben und kann es nicht aushalten, wenn andere mir ins Wort fallen!“ Damit wird man unter Garantie nicht eingestellt. Weil man ehrlich ist. Aber das Leben ist eben kein Bewerbungsgespräch und manchmal wäre es vermutlich einfach befreiender, mal zu sagen, was man wirklich denkt und nicht, was der andere vermutlich hören möchte. Da würde einem so einiges an unterdrückten Gefühlen ersprart bleiben.

Aber es ist eben auch alles immer eine Frage des Taktes und guten Tones. Wenn mich meine Freundin nach ihrer neuen Frisur fragt, dann mag es ja sein, dass mir die langen Haare besser gefallen haben, aber sie sind ja nunmal ab jetzt. Und dann ist es doch einfach nur gemein zu sagen: „Ohje, das steht dir aber gar nicht! Die langen Haare waren viel schöner.“ Dann sage ich, was sie hören will, nämlich, dass sie hübsch aussieht mit der neuen Frisur. Das ist dann aber auch meine Entscheidung in der Situation. Vielleicht eine kleine Lüge. Aber für mich in der Situation angemessener, als ihr mit der Wahrheit die neue Frisur um die Ohren zu hauen. Man könnte jetzt sagen: Wo fängt man da an und wo hört man auf? Ich denke, dass das jeder selbst entscheiden muss. Die richtige Grenze finden – das hat eben etwas mit Taktgefühl zu tun.

Und doch wage ich einfach mal das Experiment: Öfter die Wahrheit sagen. Dazu hat mich dieser Artikel heute Morgen inspiriert. Ein bisschen mehr Wahrheit hat vermutlich noch niemandem geschadet. Und wer weiß, vielleicht erlebt man ja eine Überraschung im Umgang mit anderen, wenn man sich häufiger traut, zu sagen, was man wirklich denkt.

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