Fünf Minuten für die Seele

Wenn man mit Menschen zusammen ist, kann alles passieren. So hat sich mal eine Freundin von mir ausgedrückt. Und Recht hat sie. Das habe ich in meiner Zeit in der Schule jetzt gelernt. Es gibt ganz normale Tage, an denen einfach alles vor sich hinläuft, nichts Besonderes passiert. Und dann gibt es Tage wie den letzten Dienstag. Ich komme in die Vertretungsklasse. Stelle mich vor. Und beginne – wie immer – mit einer „Ist-was…?-Runde“. Fünf Minuten Zeit für die Schülerinnen, in denen sie erzählen können, was sie bewegt. Fragen, Sorgen loslassen oder Entsetzliches mitteilen. Was habe ich erlebt, gehört, gesehen? Und plötzlich bricht eines der Mädchen in Tränen aus. Der Opa ist gestorben, erst vor einer Woche. Und sie konnte nicht zur Beerdigung, weil die Großeltern so weit entfernt leben.

Und ich muss reagieren. Sitze da plötzlich nicht mehr als Lehrerin, jedenfalls nicht nur, sondern auch als Seelsorgerin. Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass mir das nicht zu Anfang meines Vikariats passiert ist. Ich wäre viel zu unsicher gewesen, um zu handeln. Aber 8 Monate Schulleben haben auch mich unterrichtet, ja auch ein bisschen verändert. Ich bin flexibler geworden in schwierigen Situationen.

Ich habe sie einfach erstmal weinen lassen. Wenn ein Mädchen mitten im Unterricht auf die Frage: Was hast du erlebt, gehört, gesehen, das dich bewegt? gleich in Tränen ausbricht, dann muss der Druck unendlich groß sein. Und die Trauer auch. Da macht es keinen Sinn, gleich mit Fragen loszustürmen. Jemanden neben sie setzen, der mal den Arm um die Schulter legt oder einfach nur ein Taschentuch reicht. Und die anderen 22 Schülerinnen, die ganz betroffen und erschrocken schauen, irgendwie abholen. Über Traurigkeit reden, wenn jemand stirbt. Dass es okay ist, sogar wichtig, traurig zu sein. Wenn ein Mensch wichtig war für das eigenen Leben und plötzlich nicht mehr da ist.

Solche Situationen gab es immer mal wieder am Anfang der Stunden. Und es hat mir gezeigt, dass meine Idee, die Schülerinnen am Anfang bei ihren Sorgen und Fragen abzuholen, gut war. Das gehört für mich zum Religionsunterricht dazu, vor allem dann, wenn man eben eine Lehrerin ist, die Pfarrerin wird. Das gehört für mich zur Seelsorge in der Schule. Was ich dort leisten kann, in diesen fünf Anfangsminuten ist vielleicht nicht viel. Aber das muss auch nicht sein. Ich habe allerdings erfahren, dass es den Schülerinnen viel bedeutet, wenn jemand ihre Sorgen und Fragen ernst nimmt. Sie manchmal auch einfach stehen lässt. Ohne Antwort oder Kommentar. Weil manche Dinge einfach mal raus müssen. Und dann ist es gleich viel besser. Guter Religionsunterricht ist nicht nur Wissensvermittlung – das ist mir in den vergangenen acht Monaten deutlich geworden. Religionsunterricht soll für mich auch etwas von Glaube und Religion spürbar werden lassen. Und das gelingt nur, wenn man sich Zeit nimmt für die Dinge, für die im Schulalltag eigentlich keinen Platz sind. Am Ende habe ich aber gelernt, dass es sich lohnt, diese Zeit zu investieren. Ich musste in den ersten fünf Minuten oft trösten, Fragen mit meinem ganz eigenen Glauben beantworten und auch mal Fragen stehen lassen, weil ich keine Antworten wusste. Manchmal haben wir am Anfang auch gebetet, wenn es ein Anliegen gab. Und ich habe gemerkt, dass man Schülerinnen für das Fach begeistern kann, wenn man ihnen zeigt, wie sehr Religion und Glaube mit dem „echten“ Leben verknüpft sind.

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2 Gedanken zu “Fünf Minuten für die Seele

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