Kleider machen Leute

Heute war ein aufregender Tag in meiner Vikarinnenlaufbahn. Als ich nach Hause kam stand nämlich ein riesiges Paket vor meiner Tür. Das an sich ist nicht unbedingt etwas Besonderes, es sei denn, man erwartet seinen Talar. Nachdem ich im Januar vermessen wurde sind immerhin schon fast fünf Monate vergangen und ich hatte zwischendurch schon fast vergessen, dass es einen Tag im Mai geben würde, an dem ich ganz kribbelig ein Paket vor meiner Haustür anstarren würde. Das Ganze ist insofern besonders, als ich eigentlich nie ein besonderer Fan von diesem Kleidungsstück war. Irgendwie kommt mir dieses Ding manchmal etwas altmodisch vor. Also ich war nie besonders scharf auf einen Talar. Bis heute.

Ich bin dann natürlich wie verrückt reingespurtet und habe versucht, dieses Paket aufzureißen. Das ist mir dann auch irgendwann gelungen. Da war er dann also. Klar, ich bin gleich reingeschlüpft. Zugeknöpft und vor den Spiegel. Zuerst habe ich mich ein bisschen gefühlt, als ob ich gleich zu Gleis 9 3/4 aufbrechen und in den Hogwarts-Express steigen würde. Wo ist meine Eule? Und mein Zauberstab? Und nachdem ich mich dann eine Weile betrachtet habe, von vorne, von hinten, von der Seite, da hatte ich auf einmal den Gedanken: Du wirst wirklich Pfarrerin. Als würden fünfeinhalb Jahre Studium nicht reichen, um einem das klarzumachen. Nein, für mich hat es diesen Moment vor dem Spiegel heute nochmal gebraucht. Mich zu sehen im Talar hat etwas verändert. Ich habe mich auf einmal wie eine richtige Vikarin gefühlt. Komisch, was so ein Stück Stoff ausmachen kann, nicht?

Außerdem habe ich mich erinnert, dass ich als Kind schon öfter mal einen Talar getragen habe. Mein Opa ist nämlich auch Pfarrer. Und in meinen Ferien im Pfarrhaus in Hessen durfte ich den abgelegten Talar von meinem Opa tragen. Da hatte ich auch wirklich Ausdauer. Ich kann nicht zählen, wie oft ich irgendwelchen Kuscheltieren und meinen Großeltern in meiner „Kirche“ auf dem Dachboden das Abendmahl ausgeteilt habe. Mit ungeheurer Ernsthaftigkeit habe ich damals hessisches Kümmelbrot und Traubensaft ausgegeben. Damals musste ich die Ärmel vom Talar mehrmals umschlagen. Und immer den Saum einen halben Meter anheben, wenn ich mich vorwärts bewegen wollte.

Als ich mich dann heute im Talar gesehen habe, da war ich schon stolz muss ich sagen. Schon als ich mit sieben in einem Zelt von Talar steckte wusste ich: Sowas will ich auch mal. Wenn ich selber Pfarrerin bin. Und jetzt stehe ich hier und bin auf dem besten Weg dahin. Es ist ein schönes Gefühl zu sehen, dass Träume wahr werden. Dass man Ziele erreichen kann, die man vor Augen hat. Und über so lange Zeit daran festhält.

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3 Gedanken zu “Kleider machen Leute

  1. Ja, veramantowsky, das wird schon so sein, dass so ein Kleidungsstück was ausmacht, einem Sicherheit im Auftreten gibt…
    Aber es heißt da auch aufgepasst, dass der Talar nicht alles andere ersetzt. Ich kenne leider zu viele deiner Amtskollegen, bei denen ich den Eindruck habe, dass die klerikale Kleidung nicht so sehr dazu führt, dass sie ihr Amt ordentlich ausführen, sondern dass sie in ihrem ganzen Auftreten und Benehmen (in einer übertriebenen Art) klerikal wirken.
    Aber vielleicht ist das eher ein katholisches Problem.
    Die ursprüngliche Haltung („kein besonderer Fan von diesem Kleidungsstück“) sollte halt nicht umschlagen in eine klerikale Eitelkeit.
    (Und die Texte,die ich bisher in diesem blog gelesen habe, lassen das eigentlich auch nicht befürchten.)

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  2. Tja, wie sich doch die Zeiten ändern: Als ich so rund vor 40 Jahren anfing Pfarrer zu werden und einen Talar bekam diskutierten wir in etwa diesen Spruch: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren …“ und hatten eine gewisse Hoffnung (!) dass er bald abgeschafft würde. Und wir suchten im Gesetz ob es auch eine „Tragepflicht“ gibt … Gruss von einem Kollegen, der bald in den „Ruhestand“ gehen wird!

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