Das Böse

Es kann vom einen auf den anderen Moment kommen. Als ein Gedanke oder Gefühl, das alles ins Wanken bringt. Etwas, das an meinen Grundfesten rüttelt, an allem das mich trägt und sicher macht. Und plötzlich kann ich nichts mehr glauben. Bin nur noch zweifelnd, ungewiss, wütend, leer. Meine Welt gerät ins Wanken – ich verstehe die Welt nicht mehr. Verliere Vertrauen in mich. In alles, um mich herum. Dietrich Bonhoeffer beschreibt eine solche Situation in einem seiner Briefe, die er aus dem Gefängnis in Berlin Tegel an die Eltern schreibt. 15. Mai 1943, etwa einen Monat ist Bonhoeffer bereits in Haft. Mir ist nie so deutlich geworden wie hier, schreibt Bonhoeffer, was die Bibel und Luther unter „Anfechtung“ verstehen. Ganz ohne jeden erkennbaren physischen und psychischen Grund rüttelt es plötzlich an dem Frieden und der Gelassenheit, die einen trug, und das Herz wird ein trotziges und verzagtes Ding; man empfindet das wirklich als einen Einbruch von außen, als böse Möchte, die einem das Entscheidende rauben wollen. Aber auch diese Erfahrungen sind wohl gut und nötig, man lernt das menschliche Leben besser verstehen.

Das Gefühl kenne ich. Nicht nur ich, vermute ich. Auch wenn ich nicht in einer Zelle sitze. Ungewiss, ob mir die Zukunft wieder Freiheit bringen wird. Bonhoeffer schreibt, dass es einem vorkommt, wie ein Einbruch von außen, wie böse Mächte. Die Bibel und auch die kirchliche Tradition bezeichnet das, was mit dieser Erfahrung verbunden ist immer wieder als Begegnung mit Dämonen oder sogar dem Teufel. Das gestaltgewordene Böse lässt sich leichter greifen und erklären. Wenn ich dem Bösen Personsein zuspreche, kann ich mir seine Macht besser vorstellen. Kaum vorstellbar aber, dass Menschen heute immer noch davon reden. Dämonen und Teufel, eine Vorstellung die für mich eindeutig nicht dieser Zeit angehört. Und doch erfahren Menschen am eigenen Leib, dass in der Welt Mächte wirken, die böse sind. Wer an einer schlimmen Krankheit leidet wird verstehen, was ich sage. Menschen mit Depressionen beschreiben häufig, dass etwas Dunkles sie ausfüllt, das nicht zu ihnen gehört. Kalt und leer, nicht Teil ihrer Person oder Seele. Nicht nur Morde, Kriege oder Gewalt sind Zeichen vom Wirken des Bösen. Es begegnet auch in anderen Formen. Es verletzt mich tief innen. Und ich spüre, wie Bonhoeffer es beschreibt, dass etwas von außen in mich einbricht, wie eine böse Macht. Anfechtung nennt er es in Anklang an die biblische Tradition.

Ich habe in einer amerikanischen Freikirche mal selbst erlebt, dass Menschen an Personifizierungen des Bösen glauben. Dass sie Dämonen sehen, die von Menschen Besitz ergreifen und diese vertreiben wollen. Dass sie den Teufel spüren, ihn fürchten und bekämpfen. Ich finde allerdings, dass das etwas zu einfach ist. Dann haben wir nur die Möglichkeit, die Welt schwarz und weiß zu sehen. Wie in den alten Vorstellungen der Menschheit: Gott, das Gute, der Teufel, das Böse. Aber so ist es nicht. Es gibt nicht nur gut und schlecht, sondern Facetten von beidem, die sich auch überschneiden. Nehmen wir die Angst. Ein Gefühl, dass mich vor Gefahren schützt, aber manchmal so lähmt, dass ich kaum atmen, geschweige denn leben kann. Es ist ein großer Unterschied, ob ich davon rede, dass in dieser Welt das Böse spürbar ist oder ob ich es dem Teufel zuschreibe. Letzteres ist ein kindlicher Wunsch, das Böse greifen zu können. Ihm Gestalt zu geben, um es zu enttarnen. Rede ich allerdings vom Bösen in der Welt, so habe ich keine Kategorien, keine Formen, in die ich es gießen kann. Es widerfährt mir, verletzt mich und andere, zerstört Menschen, Beziehungen, ganze Gesellschaften. Entgegensetzen kann ich nur mich. Nicht einen fahnenschwingenden Helden-Gott, der den Teufel vom Platz fegt. Nicht einfach Dämonen austreiben und gut. Ich muss genauer hinsehen, um Böses zu erkennen. Mich entgegenstellten, mit allem, was noch heil ist in mir. Dann kann ich Anfechtungen, wie Bonhoeffer es mit der Bibel nennt, überstehen. Anfechtung beschreibt die Erfahrung: Etwas zieht alles in mir und meiner Welt in Zweifel. Das lässt mich schwanken. Wie vor Gericht, wenn ein Urteil angefochten, also als nicht rechtens anerkannt wird. Dann muss ich kämpfen für mein Recht. Und beweisen, dass das, was ich glaube, worauf ich vertraue und hoffe, stärker ist, als das, was es anficht. Das kann schonmal einem Kampf ähneln. In mir. Mit mir. Wie auch immer. Wie die Geschichte von Jakob, der mit einem Fremden ringt. Verzweifelt und nicht aufgibt. Und am Ende als neuer Mensch aus diesem Kampf hervorgeht. Noch stärker und hoffnungsvoller als zuvor.

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3 Gedanken zu “Das Böse

  1. ICh finde die Personfizierung so schlecht gar nicht. Freilich, mit dem Ausgetreibe der Freikirchen oder auch der Kirche von Rom kann ich wenig bis nichts anfangen. Ich denke, das trägt auch nicht weit (ich bin aber auch kein Freikirchler oder Römer). Die Anfechtung, die bösen Mächte, sie sind real, zumindest subjektiv, ob man ihnen nun Personsein zuspricht oder nicht. Sehe ich sie nicht als persönliche Macht, bleiben sie diffus, ich kann sie nicht greifen, ich kann mich nicht dagegen wenden. Und so kann ich auch nicht kämpfen. Personifiziere ich die negativen Erfahrungen, ist das anders. Ich kann meine Empfindungen mit ihnen verbinden, auch das sonstige Böse, das ich sehe und erlebe, ich kann vielleicht sogar Mechanismen erkennen, die immer wiederkehren. All das macht es mir einfacher, damit umzugehen, also warum nicht. Der Mensch braucht Metaphern, denn er denkt oft bildlich-konkret und nicht abstrakt.
    Deshalb muß ich noch lange nicht meine Hoffnung auf irgendwelche Austreibungszeremonien setzen. Meine Hoffnung setze ich auf einen anderen. Der ist – im Gegensatz zu den Zeremonien – unverfügbar, aber um ein vielfaches mächtiger und verläßlicher.

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    • Ich bin zwar ein „Römer“, aber mit dem „Ausgetreibe“ kann ich (wie auch mit einigen andern „römischen“ Ansichten) auch nichts anfangen.
      Wie wir uns „das Böse“ oder „den Bösen“ vorzustellen haben, weiß ich auch nicht so genau. Allerdings gilt es auf jeden Fall, dagegen anzugehen. Die Hoffnung auf unverfügbares, mächtiges, verlässliches – ja dies ist auch für mich ganz wichtig.

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  2. Ich muss sagen, ich finde den Gedanken an den Teufel und seine Dämonen gar nicht so weit hergeholt. Wenn wir an einen Gott glauben und an seine Engel, wieso soll es dann nicht auch die Gegenseite geben? Wo machen wir die Grenze bei dem, was wir der Bibel abkaufen und wo es uns aus unserer Komfortzone herauskatapultieren würde, sodass wir es zu einer Metapher erklären? Die Bibel spricht tatsächlich auch vom geistlichen Kampf und von den geistlichen Mächten. Ich glaube, dass grade unsere westliche Gesellschaft so verkopft ist, so sehr auf Logik bedacht, dass wir es kaum aushalten, wenn in der Bibel von Dingen die Rede ist, die wir mit unserem Verstand nicht in Gänze begreifen können. Aber wollen wir wirklich einen Gott, den wir mit unserer menschlichen Logik voll und ganz begreifen können?

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