Glockenläuten

Gestern nachmittag habe ich sie gehört als ich draußen die Wäsche aufgehängt habe. Kirchenglocken. Eigentlich nehme ich die kaum noch wahr, so vertraut scheint mir das Geläut. Das ist vermutlich genauso, als ob man an einem Bahngleis wohnt: Den Zug hört man irgendwann auch nicht mehr. Gestern sind sie mir besonders aufgefallen, weil ich gerade mit meinen 6ern über Kirchenglocken gesprochen habe. Und zwar beim Thema Islam. Passt nicht zusammen? Also Schüler kriegen wirklich jede Gedankenkurve hin, so viel ist sicher!

Wir waren bei der Moschee und was alles dazugehört: Von der Kanzel über die Gebetsnische bis hin zum Muezzin, dem Gebetsrufer. Meine Oma erzählt heute immer noch begeistert von ihrem Urlaub in Istanbul, wo man aus allen Richtungen Muezzine rufen oder vielmehr singen hören kann. Es hat schon seine eigene Magie, dieses gesungene „Gott ist groß“ und „Kommt zum Gebet“. Da ließen sich meine sonst sehr skeptischen 6er auch mal zu einem „wunderschön“ hinreißen. Und dann sagte eine Schülerin: „Der Muezzin ist dann doch quasi wie unsere Glocken, oder?“ Ein schlauer Gedanke und natürlich völlig richtig. Der Muezzin ruft gläubige Muslime zum Gebet in die Moschee. Er tut, was unsere Glocken am Sonntagmorgen tun: Sie erinnern und rufen uns zum Gottesdienst.

Ich habe ehrlich gesagt bisher noch nie so Recht über die Funktion vom Glockengeläut nachgedacht, manchmal nervt es mich sogar, wenn ich mal ausschlafen will und nebenan bimmelt es von allen Seiten. Der Islam ist viel stärker als das Christentum auch im Alltag auf Gott ausgerichtet. Fünf Mal am Tag beten, um sich immer bewusst zu machen, aus welcher Hand man diesen Tag eigentlich empfängt. Das schafft eine Grundhaltung der Dankbarkeit im Menschen kann ich mir vorstellen. Und dann der Ruf der Muezzin, der meist mit dem Lob Gottes beginnt „Gott ist groß“.

Als ich gestern im Garten die Glocken gehört habe, musste ich an dieses Gespräch in der Schule denken und habe die Glocken etwas anders wahrgenommen. Als eine kleine Erinnerung. Ich habe nicht alles stehen und liegen lassen, um zur Kirche zu laufen, zumal ich gar nicht sicher war, welche der vielen Kirchen hier geläutet hat. Aber mitten in meiner alltäglichen Arbeit habe ich innegehalten. Ich habe Dankbarkeit empfunden bei dem Gedanken daran, dass es mir so gut geht, dass ich gerade keine größeren Sorgen habe, als einen Platz für die letzten zwei Socken auf der Wäscheleine zu finden. Die Glocken haben mich unterbrochen und mich sozusagen mitläuten lassen. Gott ist groß. Wie gut, sich diesen Satz manchmal zu sagen. Wie gut, dass mich die Glocken daran erinnern. Mir sagen: Halte inne, nur einen Moment. Lass dich einbeziehen in diesen Satz: Gott ist groß. Das hat meinen Tag erfüllt. Vermutlich hätte ich es vergessen, ganz unachtsam vor mich hin gewerkelt und nicht dieses gute Gefühl erlebt: Danke!

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Ein Gedanke zu “Glockenläuten

  1. Auf gewohnt gewordenes, das sogar so gewohnt geworden ist, dass man es gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, wieder einmal genauzu achten,ist dir also beim Wäsche aufhängen gelungen.
    Wir sollten das viel öfter tun.
    Um auf die Glocken zu achten gibt es in unserer Gemeinde immer wieder Turmführungen, bei denen die Glocken und ihr Geläut auch immer eine wichtige Rolle spielen.
    Und vor einiger Zeit hattenwir auch ein Glockenkonzert, bei der die Glocken der drei Innenstadtgemeinden zusammen musizierten. Es gibt eine Stelle vonder aus man die Glocken aller drei Kirchen gleich gut hören kann. Über Handy waren die Küster der drei Kirchen miteinander verbunden und es gabein genaues Drehbuch, wann welche Glocke zugeschaltet werden sollte. Ein „Glockenfachmann“ erläuterte dann dabei auch die verschiedenenTonfolgen. Glockenalsoauch als Muisikinstrument.
    Ganz besonders deutlich wurde das auch vor zwei Jahren in Trier bei einem ganz anderen Konzert:
    https://wittlicher.wordpress.com/2013/06/29/ein-ganz-besonderes-konzert-fand-heute-intrier-statt-es/

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