Zufrieden sein

Es ist so ein Gefühl, wenn ich meine Generation betrachte. Wie wir alle durch unsere Leben irren, immer auf der Suche nach dem, was richtig, was perfekt ist. Der Partner hat so seine Ecken und Kanten, es ist schon anstrengend? Na vielleicht gibt es ja noch einen, der besser passt! Das Studium ist zwar ganz schön, aber irgendwie nicht das richtige, da fehlen mir die 100 %. Da muss etwas anderes her. Man glaubt, an einem Punkt zu sein, an dem das Leben immer so weitergehen könnte, aber irgendwas fehlt doch noch. Das kann es nicht sein. Was ist mit Abenteuer und neuen Erfahrungen? Und dann werfe ich alles wieder um. Ich glaube, man kann sagen, dass Menschen meiner und folgender Generationen heute nur schwer zufrieden sein können. So ähnlich habe ich es in einem Artikel bei VICE gelesen (wer mal nachlesen möchte, ich kann den Artikel sehr empfehlen: http://www.vice.com/de/read/ueber-die-unmoeglichkeit-des-zufriedenseins-053).

Irgendetwas treibt uns an, lässt uns nie zur Ruhe kommen. Es zerstört die glücklichen Momente, die wir nicht genießen können, weil wir immer glauben, dass es noch schöner, noch besser sein könnte. Wir wollen immer mehr und wissen eigentlich selbst nicht genau, was sich dahinter verbergen soll. Nur eins ist klar: durchschnittlich glücklich reicht nicht. Heute muss sich jeder immer neu erfinden und sein eigenes Ding machen. Heiraten Mitte Zwanzig? Mein Gott, muss man sich schon so früh festlegen? Und was sind das eigentlich für Spießer, die schon vor dreißig Häuser bauen und Kinder kriegen?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir keinen Stillstand ertragen. Obwohl das Leben, so sehr es auch so scheint, natürlich niemals stillsteht. Dass wir das Gefühl  brauchen, dass sich ständig etwas verändert und gleichzeitig doch auch immer mit angehaltenem Atem die Veränderung fürchten. Das Leben wird ein bisschen schwerer, wenn man es so lebt. Weil man den Blick für das verliert, was wichtig ist. Für das, was wirklich gut ist und gut tut. Das Leben ist keine ewige Party, so ist das nunmal. Das Leben ist vor allem Alltag. Und wenn ich den Alltag meines Lebens nicht schätzen kann, die Momente, die sich mit dem für meine Generation so furchtbar klingenden Wort „normal“ beschreiben lassen, dann verliere ich mein Leben. Weil es nunmal vermutlich zu 90 % daraus besteht. Wenn ich immer auf der Suche bin, nach dem Besseren und Perfekterem, dann kann ich nicht schätzen, was ich schon habe. Ich kann nicht sehen, wie reich ich schon bin.

In Psalm 116 heißt es in der Lutherübersetzung: Gib dich zufrieden meine Seele. Die Basisbibel (http://www.basisbibel.de/home/)übersetzt meiner Ansicht nach treffender: Komm wieder zur Ruhe, meine Seele! Ruhe finden ist das, was ich nur kann, wenn ich einen Moment innehalte. Wenn ich nicht ewig auf der Suche bin, sondern mich begnüge, zufrieden gebe mit dem, was ist. Dann kann ich durchatmen. Und wenn ich in Ruhe betrachte, was ich habe, kann ich vielleicht entdecken, wie sehr ich es schätze und brauche. Es ist schon richtig und gut, dass ich nicht einfach unterhinterfragt nehme, was mir das Leben gibt. Dass ich glücklich sein will. Dass ich ein gutes und schönes Leben will. Der Vater einer guten Freundin sagte einmal zu mir, dass er glaubt, dass die Menschen heute Dinge – und damit meinte er vor allem Beziehungen – zu schnell aufgeben. Sobald etwas Risse bekommt, nicht mehr neu und schön ist, nicht mehr so einfach glücklich macht, tauschen sie es gegen etwas, das noch glänzt. Aber verliert nicht alles, was in Gebrauch ist irgendwann den Glanz? Und muss man sich dann nicht anstrengen, um es wieder zum Glänzen zu bringen? Das ist wohl so. Und ja, es ist anstregender. Aber ich glaube, dass es sich am Ende lohnt. Denn jeder kennt zerlesene Lieblingsbücher, in denen uns jeder Fleck eine Geschichte erzählt. Die Lieblingsjeans mit den drei Flickstellen, die immer an bestimmte Ereignisse erinnern. Gebrauchtes hat natürlich nicht den Glanz des Neuen, aber es ist schön, weil es Wege mit mir gegangen ist.

Das ist ein Plädoyer fürs Zufriedensein. Dinge wertschätzen, die ich schon habe. Ja, auch nach anderem streben. Das beste für sich suchen. Aber daraus kein rastloses Streifen werden lassen. Paul Gerhard besingt es so schön in einem seiner Lieder: Gib dich zufrieden und sei stille. Genau wie der Psalmvers es ausdrückt: Komm wieder zur Ruhe, meine Seele! Ich möchte kein rastloser Wanderer sein. Möchte auch ankommen. Einen sicheren Platz haben.  Und ja, manchmal lohnt es sich, die Dinge, die man hat, unter einem neuen Licht zu betrachten und neu zu erkennen, wie schön und gut sie doch sind. Und sich daran zu erinnern, dass auch Neues irgendwann seinen Glanz verliert.

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Ein Gedanke zu “Zufrieden sein

  1. Schöner Text!
    Was du da beschreibst als Kennzeichen deiner Generation (die Unruhe, das Streben,mehr habenzu wollen, dass es schöner und besser sein soll) ist aber eigentlichh auch damals ein „Problem“ gewesen als ich indeinemAlter war – und das ist shconeineige Jahrzehnte her.
    Es hat sich inder Zeit nicht alles geändert.
    Trotzdem: die dinge die du angesprochen hast sind auch heute wichtig.

    und noch was:
    Den Psalmvers habe ich durch deinen Beitrag neu in den Blick bekommen. Und ich habe ihn jetzt meiner Serie „Bilder zu Psalmen“ hinzugefügt.
    (https://wittlicher.wordpress.com/2015/05/15/bilder-zu-psalmen-zu-psalm-116/)
    Schau dirs an, wenn du magst. 🙂

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