Zornig auf Gott

An den Kanälen von Babylon: Dort saßen wir und weinten, wenn wir an den Zion dachten. Mich rühren diese Worte immer wieder, mit denen der 137. Psalm beginnt. Er erzählt von der Zerstörung des Landes der Israeliten durch das Volk der  Babylonier vor vielen tausend Jahren. Von ihren Peinigern werden sie in ein fremdes Land verschleppt, weg aus ihrer Heimat und allem, was ihnen heilig ist. „Zion“ – Begriff für den heiligen Ort der Israeliten, den sie in Liedern besingen. Weit weg. Nur noch Trauer und Tränen. Die Psalmenschreiber scheuen sich nicht, all ihre Gefühle vor Gott zu bringen. Nicht nur Lob und Freude, auch Klage, Trauer und Zorn. Ja, in den Psalmen gibt es Stellen, in denen der Betende Gott bittet: Brich meinen Feinden die Zähne aus dem Maul. Ihnen soll es gehen wie dem Gras auf den Dächern. Bevor man es ausreißt, ist es bereits verdorrt. Lange hat man über diese Stellen des Psalters einfach hinweggelesen, gerade so, als ob sie nicht dazugehören würde.

Aber Leben heißt immer auch Schmerz. Heißt Trauer. Wut. Verzweiflung. Ein Glaube, der keinen Raum für die Klage lässt, ist arm. Er sperrt eine ganze Reihe von menschlichen Gefühlen aus. Ich glaube, Zeiten des Leids hinterlassen besonders tiefe Spuren im Leben. Sie sind anstrengender und intensiver als andere Phasen im Leben. In diesen Zeiten werde ich an Grenzen geführt: An Grenzen von Sinn und Leben, an Grenzen von dem, was ich ertragen kann. Gerade dort brauche ich Gott. Auch wenn ich ihn vielleicht dann am wenigsten glauben kann. Gott ist ein Ort für meine Klage. Für all meine zerbrochenen Hoffnungen. Er birgt Wut und Zorn, nimmt alles auf. Das glaube ich fest. Ich muss meine Worte nicht mit Bedacht wählen, sondern darf alles hinausschreien, wenn ich nicht anders kann. Und wenn ich keine Worte finde, dann kann ich die anderer nehmen. Die der Psalmen zum Beispiel, die an vielen Stellen gegen Feinde wettern. Was sind meine Feinde? Die Krankheit meines Mannes, die Dunkelheit, die mich auffrisst? Carola Moosbach hat in ihren Büchern Worte für die Momente im Leben gefunden, in denen es kaum Wort zu geben scheint:

Ich schreie zu Dir Gott mit letzter Kraft

ich schreie um Hilfe in alle Richtungen

aus dem Schmerzensabgrund rufe ich nach Dir Gott

und finde doch nicht Deine Spuren

Immer wieder fragen mich Menschen: Darf ich das? Darf ich so zornig mit Gott sprechen? Und ich antworte meistens: Mit wem denn, wenn nicht mit Gott? Ich kann nicht alles allein tragen. All die Gefühle, die mich manchmal aufzufressen und zu zerreißen drohen. Und nicht immer kann ich sie abgeben an andere. Aus Scham, aus Angst, aus welchem Grund auch immer. Wie tröstlich, dass ich einen Ort habe für all das. Vielleicht ist es nur das, dass ich loswerde, was mich so schwer macht. Aber vielleicht entdecke ich, nicht in dem Moment, sondern viel später, eine Spur Gottes in meinem Leben. Die Psalmen, so schwer und zornig sie auch manchmal formuliert sind, enden immer mit einem Lob Gottes. Und auch der Psalter als Ganzes, mit seinen 150 Gebeten, mündet in einem Lob. Das lässt mich hoffen, dass Gott der richtige Ort für meine Gefühle ist. Weil er nicht nur aufnehmen und bewahren kann, sondern auch heilen. Auch wenn ich es nicht gleich merke. Vielleicht nur, weil ich nicht mehr allein an der Last tragen muss.

Lobversuche

Wie soll ich dich loben Gott

wenn die Seele zerreißt und der Körper schreit

und alles tut weh nicht zum ersten Mal

wie soll ich denn weitergehen ohne Dich

aus der Seelennacht möchte ich flüchten

in dumpfe Betäubungen und kleine Tode

wie soll ich denn leben Gott ohne Dich

Du bist meine Zuflucht mein Tränengebet hältst Du aus

dafür lobe und preise ich dich

(aus: Carola Moosbach: Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete).

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