Stellvertretung – ein schwieriges Wort

Es gibt Momente, in denen ich in der Schule Gänsehaut bekomme. Das sind die Momente, für die man sich auch durch zähe und schwierige Stunden kämpft. Die alles überstrahlen und mir klarmachen, wie schön die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist. Mit meinen 11ern bin ich mitten in der Einheit „Jesus Christus“. Wer ist Jesus Christus? haben wir ganz zu Beginn der Einhei gefragt. Die Schülerinnen haben biblische und nichtbiblische Quellen gelesen, sich die besondere Perspektive neutestamentlicher Texte im Blick auf Jesus klargemacht. Sie haben etwas über die Leben-Jesu-Forschung erfahren und eine Synopse der Kreuzigungserzählungen erarbeitet. Kurz: Wir haben viel Stoff durchgeboxt in den letzten Wochen. Manchmal habe ich die Mädels angeschaut und es hätte mich nicht gewundert, wenn Rauch aus ihren Ohren kommt, so angestrengt haben wir gearbeitet und nachgedacht. Aber es lohnt sich.

Ich bin ja eine Verfechterin von Wissen. Halbwissen kommt in meinem Unterricht nicht in die Tüte. Nur wer genug weiß, wer genügend Informationen gesammelt hat, kann Dinge bewerten und sich eine eigene Meinung bilden. Für die eigene Meinung muss man auf einem stabilen Fundament stehen – das ist das Wissen. In der letzten Stunde haben die Schülerinnen erarbeitet, wie man den Tod Jesu am Kreuz deuten kann. Zuerst war es vermutlich nicht leicht nachzuvollziehen, dass es nicht eine „richtige“ Deutung gibt. Das ist etwas, das sich durch alle Jahrgangsstufen durchzieht: Die Schülerinnen suchen nach „richtigen“ und verlässlichen Antworten. Im Glauben gibt es die nur leider äußerst selten. Es kommt immer eher darauf an, wie ICH die Dinge sehe, wie ICH sie bewerte und ob ICH sie glauben kann.

Menschen haben schon im Angesicht des Todes Jesu angefangen, diesen Tod zu deuten. Eigentlich ist es ein Scheitern, die Erfahrung, dass der, der eigentlich Gottes Sohn sein sollte, wie ein Verbrecher am Kreuz gescheitert ist. Aber etwas von Jesus und seiner Botschaft hat überlebt und ist sozusagen „auferstanden“. Etwas, das so stark war, dass es seine Anhänger dazu brachte, in seinem Tod eine Bedeutung zu suchen. Eine dieser Deutungen ist das Motiv der Stellvertretung. Ein schwieriges Wort, vor allem für Schülerinnen. Ich erkläre diese Vorstellung immer an einer Figur aus „Harry Potter“: In Lily Potter, der Mutter von Harry, wird für mich das, was Stellvertretung heißt, ganz deutlich. Sie stellt sich in Todesgefahr vor ihren Sohn und schützt ihn, mit ihrem eigenen Leben. Die Folgen, nämlich, dass ihr Sohn Harry vom Bösen nicht mehr angerührt werden kann, machen deutlich, wie stark das ist, was stellvertretendes Handeln meint: Ich gebe alles, für dich. „Man muss jemanden ja echt lieben, um alles für den anderen zu geben“, meint eine Schülerin.

Jesus stirbt für mich – das heißt also: an meiner Stelle. Aber warum? Das bleibt schwer zu verstehen, auch für meine Schülerinnen. Die Bibel sagt: Jesus stirbt für meine Sünde. Aber was kann ich schon getan haben, das einen Menschen ans Kreuz nagelt? Wenn man das, was Stellvertretung aussagen will, aber genauer betrachtet, dann heißt für mich: an meiner Stelle. Alles, was böse ist in der Welt, nagelt Jesus ans Kreuz. Das ist das, was mit dem Bild von Sünde ausgedrückt wird. Nicht meine vielen falschen und manchmal auch bösen Handlungen, die sich aufzählen ließen. Sünde heißt nicht zuerst: Schuldig werden, sondern ist beklagenswerte Verfehlung: Ein Mensch verfehlt den Sinn seines Lebens. Aus einer tiefen Traurigkeit heraus, aus Schmerz oder Wut. Von Sünde muss man im Ton der Klage reden, nicht in dem der Anklage. Jesus stirbt für mich am Kreuz heißt dann: Jesus hält für mich die Folgen des Bösen aus. Am Kreuz. Die ich eigentlich ertragen müsste. Nämlich dann, wenn ich zurückblicke und in meinem Leben all die dunklen Stellen sehe. Wo ich nicht genug gelebt habe, wo ich an mir selbst schuldig wurde. Auch an anderen. Wenn der Tod vor mir steht wie die Drohung der letzten Vernichtung und mein Leben als sinnlose oder verfehlte Ansammlung an Jahren zurückbleibt. Und mehr noch, er mir zeigt: Nicht im Kreuz liegt das Ende. Der Tod ist nicht mehr Ende allen Sinns, nicht leere Dunkelheit und Drohung ewiger Verdammnis. Das ist das besondere am Bild der Stellvertretung. Und obwohl das alles so schwierig zu begreifen ist, haben meine Schülerinnen es geschafft. Zum Abschluss der Stunde haben sie kleine Texte geschrieben – Elfchen: Mit 11 Wörter sagen, was wirklich wichtig ist. Und als ich diese Texte gehört habe, da habe ich wirklich Gänsehaut bekommen. Weil ich gesehen habe, wie sehr die Schülerinnen dieses Bild scheinbar noch anspricht. Sie brauchen es und ich auch: Das Gefühl, jemand gibt alles, nur für mich. Das macht mich groß. Es zeigt mir: Ich bin wichtig. Für einen wenigstens. Das tut gut. Und nicht ich habe es meinen Schülerinnen gesagt, sondern sie mir.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s