Schöne Worte

Als ich gerade so mit meinen zwei Fingern die Computertastatur erreichen konnte, habe ich angefangen zu schreiben. Da war ich vielleicht 8 oder 9. Ich erinnere mich noch genau, dass ich immer Geschichten geschrieben habe. Von äußerst mutigen Hundern oder Mädchen, die zufällig so alt wie ich, die spannendsten Verbrechen aufdeckten. Geschichten über Pferde, Abenteuer und über all das, was einem als kleines Mädchen durch den Kopf geistert. Ich erinnere mich noch genau, dass ich meiner Mutter mal zu ihrem Geburtstag eine Geschichte über einen Zirkus geschenkt habe. Da muss ich noch ganz jung gewesen sein. Anderthalb Seiten gedrucktes Papier und ich habe sicherlich vier Tage gebraucht, um die Buchstaben auf der Tastatur zusammenzusuchen.

Wörter haben mich schon immer fasziniert. Schreiben, so scheint es, liegt mir im Blut. Ich kann gar nicht anders als meine Gedanken augenblicklich durch meine Hände und Finger hindurchfließen zu lassen und sie festzuhalten. Wörter haben für mich eine ganz besondere Magie. Mit ihnen baue ich Welten auf, die neben meiner existieren. Sie geben meinen Gedanken Gestalt und Raum, sie halten fest, was sonst flüchtig und vergänglich ist. Ich habe schon als Kind Bücher verschlungen. Mich in Wörter-Welten verloren und alles um mich herum vergessen. Vermutlich fasziniert mich Cornelia Funkes Tintenwelt Triologie deshalb so sehr, weil dort greifbar wird, was ich im echten Leben spüre: Aus Worten entstehen neue Welten, sie schaffen etwas. Sind nicht nur Luftschlösser, sondern formen Leben und Realität.

Worte sind mächtig. Sie können verführen, zerstören, aufbauen und verletzen. Sie haben manchmal sogar mehr Macht als unsere Handlungen: Ein Schlag ins Gesicht schmerzt nicht so sehr wie ein verletzendes Wort. Und ein tröstendes und mutmachendes Wort rührt mich manchmal so von innen an, wie es keine Umarmung vermag. Worte haben eine eigene Magie. Wer mit ihnen umgehen kann, kann verzaubern. Gerade habe ich eine Vertonung von Gedichten Rainer Maria Rilkes entdeckt, das Rilke Projekt von Schönherz&Fleer. Schauspieler, Musiker und andere Künstler tragen Rilkes Gedichte vor, im Hintergrund Musik. Ich höre die Gedichte gern, wenn ich mal Pause mache vom Tag. Eine halbe Stunde auf der Couch liegen, die Augen schließen und sich mitnehmen lassen in eine Welt voll Poesie. Durch silberhelle Schneenächte streifen und Meere voller Einsamkeit bereisen. Die rote Sonne schlafen gehen sehen und fallende Sterne beobachten, die quer wie Pferde über die Himmel springen. Ich lasse mich dann mitnehmen von den Worten, treibe auf ihnen fort und tauche ein in die Welten, die sie mir malen. Das ist ganz einfach, bei den Gedichten von Rilken geht es fast wie von allein. Ich habe immer den Eindruck, dass ich durch diesen Schatz an Worten reicher an Bildern und Gedanken werde. Und ich reise weit und tauche ein in fremde Welten, obwohl ich meinen Ort gar nicht verlasse. Ich werde entschleunigt, muss mich einlassen auf den Rhythmus und die Langsamkeit der Poesie, die ihre Bilder allmählich und Stück für Stück malt.

Wörter haben für mich eine besondere Magie. Sie können mich ganz tief berühren und etwas in mir wecken. Die richtigen Worte bringen in mir etwas zum Klingen, etwas, das ich sonst vielleicht vergessen würde. Vielleicht geht das nicht nur mir so. Vielleicht lässt du dich ja auch berühren, von schönen Worten. Wer mal reinhören will, dem empfehle ich Abend, gelesen von Hanna Herzsprung (http://www.schoenherz-fleer.de/rilke-projekt/interpreten/hannah-herzsprung oder eben bei Spotify unter Rilke Projekt).

Abend

Einsam hinterm letzten Haus
geht die rote Sonne schlafen,
und in ernste Schlußoktaven
klingt des Tages Jubel aus.

Lose Lichter haschen spät
noch sich auf den Dächerkanten,
wenn die Nacht schon Diamanten
in die blauen Fernen sät.

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