Über einen alten Streit

In theologischen Kreisen ist seit kurzem ein alter Streit neu ausgebrochen. Ein Streit um die Frage: Gehört das Alte Testament eigentlich zu unserem biblischen Kanon? Können wir uns als christliche Kirche auf das Alte Testament berufen und beziehn, obwohl es nicht von Jesus Christus spricht? Für Aufruhr sorgt ein Aufsatz von Notger Slenczka, der Professor für Systematische Theologie an der Uni in Berlin ist. Zwar hat er ihn schon 2013 verfasst, aber erst jetzt gibt es eine große und öffentliche Diskussion um seine Aussagen. Er will das Alte Testament zwar nicht gerade abschaffen, aber nicht mehr als Teil des Kanons behalten. Das Wort Kanon stammt aus dem Griechischen und hat im Grunde zwei Bedeutungen: Es ist die Bezeichnung für etwas Vollendetes und Schönes, aber auch für einen Maßstab, an dem man dieses Schöne erkennen kann. Der biblische Kanon wurde im 4.Jh.n.Chr. in seiner heutigen Form beschlossen. Die Kirche hat nicht etwa die heiligsten oder frommsten Schriften aufgenommen, sondern diejenigen, die in den Gemeinden am häufigsten in Gebrauch waren. Die Texte also, die für die Menschen von Bedeutung waren.

Die Frage, ob das Alte Testament für Christen dazugehört, ist von Anfang an gestellt worden.Schon ein Mann namens Marcion hat im 2.Jh.n.Chr. die Abschaffung des Alten Testaments für die Christen gefordert. Das zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte. Immer wieder hat es Theologen gegeben, die zwar nicht seinen Wert an sich, aber doch seine Gültigkeit für uns Christen infrage stellten. Zuletzt Notger Slenczka: Er ist der Auffassung, dass das Alte Testament die „Identität stiftende Urkunde einer anderen Religionsgemeinschaft“ (nämlich des Judentums) ist und deshalb nicht in die Geschichte des Christentums hineinreicht. Damit ist es für ihn als Grundlage der Predigt wertlos geworden. Das Alte Testament, so schlägt er vor, sollte nicht mehr länger zum christlichen Kanon gehören. Es sollte keinen Maßstab mehr für christlichen Glauben bilden.

Die Sache ist von allen Seiten betrachtet ziemlich problematisch. Vor allem ist es eine Debatte, die den Blick auf die Frömmigkeit der Menschen völlig außer Acht lässt. Es ist eine von diesen hochtheologischen Diskussionen, die am Leben und auch am Glauben der Menschen vorbeizischen. Das Alte Testament erzählt von Gott. Von dem Gott an den Juden und Christen gleichermaßen glauben. In einer Zeit, in der nichts wichtiger ist, als Verbundenheit zu suchen. Juden und Christen haben gemeinsame Glaubenswurzeln im Alten Testament. Und wenn Slenczka sagt, dass die alttestamentlichen Texte „Ausdruck eines fremden religiösen Bewusstseins“ sind, dann finde ich das höchst problematisch. Aber nicht nur das, es ist auch falsch: Viele unserer christlichen Glaubensvorstellungen, viele Motive haben sich nur aus Bildern des Alten Testaments entwickelt. Das Neue Testament steckt voller Anspielungen und Bezüge auf dieses Buch. Jesus selbst war Jude. Er lehrte und las das Alte Testament. Das ist keine christliche Vereinnahmung, wie Slenczka bemängelt, sondern einfach eine Tatsache.

Ich liebe das Alte Testament. Es ist voller Geschichten, die mich ansprechen. Es steckt voller Geschichten, die von Erfahrungen mit Gott sprechen. Mit meinem Gott. Mit dem Gott, an den auch die Juden glauben. Wer weiß schon, wie viele Namen Gott in dieser Welt hat? Das Alte Testament hat die Menschen von jeher angesprochen. Und deshalb bewahren wir es seit Beginn der Entstehung eines biblischen Kanons als Teil unserer christlichen Identität. Viele Christen lesen das AT durch eine Christusbrille. Das kann man. Das ist nicht verboten. Es ist keine Vereinnahmung. Es ist das, was im Leben so häufig geschieht: Dass sich einem rückblickend erst etwas erschließt. Dass Geschichten aus dem Alten Testament für uns Christen neue Bedeutung gewinnen. Dass wir eine andere Perspektive haben. Aber das heißt nicht, dass das die einzige Art und Weise ist, das Alte Testament zu lesen.

Für mich erzählt das Alte Testament großartige Geschichten. Sie erzählen von der großen Freiheit, die der Glaube an Gott schafft. Alles zurückzulassen und sich ganz im Vertrauen auf Gott zu neuen Ufern aufzumachen. Es gibt Geschichten von mutigen Frauen, von tiefer Trauer und Gotteszweifel. All das sind Fragen und Erfahrungen, die ich auch heute mit Gott mache. Was würde ich ohne Hiob machen, mit dem ich Gott zornig anschreien kann? Wo käme manchmal meine Hoffnung her, wenn nicht aus der Geschichte von Jakob, der an sich verzweifelt und von Gott gestärkt wird? Eine Schülerin hat heute noch gesagt, dass die Schöpfungsaussagen in der Bibel wertvoll sind, weil sie mir zeigen: Wenn mich keiner mehr will, Gott wollte mich. Und all das soll nichts mit meinem Gott zu tun haben? All die Geschichten, die Menschen seit Jahrtausenden durchs Leben tragen sind auf einmal wertlos für die Predigt? Gerade dort haben sie ihren Ort. Gerade dort, wo Menschen etwas über Gott in ihrem Leben erfahren wollen. In Jesus Christus hat sich Gott gezeigt. Menschlich. Aber warum nur in ihm? Was ist mit all den Gotteserfahrungen, die davor liegen? Sind die wertlos? Falsch?

Das Alte Testament gehört für mich dazu. Ohne Kompromiss. Nicht als Anhängsel, sondern als ein Grund, auf dem mein Glaube steht. Erinnern wir uns daran, dass das Alte Testament zuletzt von Menschen für „fremd“ und abstoßenswert erklärt wurde, die Juden in Konzentrationslager schickten. Damit werfe ich die Aussagen Slenczkas nicht in diesen Topf. Aber ich gebe zu bedenken, dass die Bezeichnung von etwas als „fremd“ immer in der persönlichen Perspektive liegt. Fremd ist nur, was ich für fremd erkläre, was ich nicht kennen und wem ich nicht vertrauen will. Für mich steht fest: Das Alte Testament gehört zum Kanon. Es ist, genauso wie das Neue Testament, Maßstab und Richtschnur für meinen Glauben. In jedem Gottesdienst sprechen wir am Ende den aaronitischen Segen. Ein Segen aus dem Alten Testament. Wir stellen uns unter den Segen eines Gottes und vertrauen auf ihn – Juden wie Christen.

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Ein Gedanke zu “Über einen alten Streit

  1. Ich halte diesen Beitrag von dir für ganz wichtig. Ich sehe für mich vieles ganz ähnlich.
    Auch wenn so manch einer (wie ich es schon vor vielen Jahren in einer Diskussion hörte) fragt: „wozu brauchen wir ein Altes Testament, wir haben doch jetzt ein Neues.“
    Mit Hanspeter Heinz würde ich antworten: „Ohne die jüdische Wurzel wäre das Christentum eine Schnittblume!“
    Dieser Satz ist einem Artikel entnommen in dem Heinz in Publik Forum (Nummer 9, 8.Mai 2015)auf Slenczka antwortet.
    Ich kann diesen Artikel nur empfehlen!

    Gefällt 1 Person

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