Wenn Hoffnungen ertrinken

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. An keinem Tag hat die Jahreslosung in diesem Jahr besser gepasst als an diesem. Und an keinem Tag hat sie so anklagend geklungen. An keinem mich so beschämt und traurig gemacht. Mehr als 700 Menschen sind gestern vermutlich im Mittelmeer ertrunken. Menschen, die getrieben wurden von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die alles aufgegeben haben, alles zurückgelassen. Die viel Geld aufgebracht haben für eine Fahrt, die so oft im Tod endet. Ihre Leichen schwimmen im Meer. In einem Meer, das für uns so weit entfernt ist. Das uns scheinbar nicht berührt.

Als ich heute Mittag auf dem Weg zur Arbeit durch den Palastgarten gegangen bin, habe ich gehört, wie sich zwei junge Männer vor mir über das Unglück unterhalten haben. Und dann fiel ein Ausdruck, den ich im Zusammenhang mit diesem Gespräch einfach nicht fassen konnte: „selber Schuld“. Eigentlich hätte ich etwas sagen müssen, diese jungen Männer mal in Grund und Boden stampfen für eine solche Äußerung. Aber ich habe da gestanden und vor lauter Fassungslosigkeit keinen Ton herausgebracht. Ich finde kaum Worte um zu beschreiben wie wütend mich das macht. Wie traurig und sprachlos. Wie beschämt ich bin. Es ist leicht zu sagen: Warum sollen wir uns um die Flüchtlinge kümmern? Die wollen doch hier nur abkassieren, nur auf der faulen Haut liegen und unser Geld wegnehmen. Es ist leicht das zu sagen, in einem Land, das wirtschaftlich so stark ist. In einem Land, in dem ich keine Angst haben muss erschossen zu werden, wenn ich vor die Tür trete. In einem Land, in dem meine Töchter nicht von Terroristen verschleppt, vergewaltigt und zwangsverheiratet werden. In einem Land, in dem ich nicht für meine Religion ermordet werde.

Ich lebe in einem Land, in dem ich frei bin. Ich habe Nahrung im Überfluss und wenn ich Lust habe, dann gehe ich zweimal am Tag duschen. Ich esse Schokolade, besuche die Schule und darf mir aussuchen, wen ich wann heiraten möchte oder nicht. Ich bin gesund und unversehrt. Ich kann ohne Angst leben. Das alles ist nicht mein Verdienst, sondern mein großes Glück. Ich bin dankbar, dass ich in Sicherheit aufwachsen und leben kann. Andere können das nicht. Sie haben Angst, jeden Tag. Angst vor Gewalt, Hunger und Tod. Jede Stunde. Jede Minute. Sie verlassen ihr Land, ihre Heimat, alles, was sie kennen und lieben nur, weil sie Angst haben. Und es bestürzt mich, dass in meinem Land so wenige Menschen bereit zu sein scheinen, etwas von ihrem Reichtum an andere abzugeben. An Menschen, die ohne eigene Schuld in großes Leid geraten sind.

Paulus schreibt im Römerbrief, aus dem die Jahreslosung stammt im selben Kapitel: Wir, die Starken, sind verpflichtet, die Schwächen von denen mitzutragen, die nicht so stark sind. Das ist unsere Verpflichtung, nicht nur als Christen. Es ist unsere Verpflichtung als Menschen. Albert Schweitzer hat es mal so formuliert: Ich lebe inmitten von Leben, das leben will. Diesem Leben sollten wir doch eine Chance geben. Heute brennt sich mir die Jahreslosung ein, wie ein anklagender Finger: Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Wir alle sind Menschen. Menschen, die leben wollen. Das haben wir alle gemeinsam. Kein Leben ist unwerter, keines zu klein, um gerettet zu werden. Für die Menschen, die alles aufs Spiel setzen, um über dieses riesige Meer in ein neues Leben zu fahren, ist es die letzte Hoffnung. Der Strohhalm an den sie sich klammern. Leben in Würde und Freiheit. In Sicherheit. Darum bitte ich all die Menschen, die mit mir in diesem reichen Land leben: Seid nicht kleinmütig und geizig. Lasst andere teilhaben, denn es reicht für so viele mehr, als nur für uns. Gebt ihnen ein Stück von eurem Lebensglück ab, schenkt ihnen Freiheit und die Hoffnung auf ein sicheres Leben. Ich bete darum, dass sich etwas ändert für diese Menschen. Dass uns hier in Europa klar wird, wie hoffnungslos ihre Situation im eigenen Land ist. Dass mehr getan wird, damit nicht Menschen mit ihren Hoffnungen im Meer ertrinken.

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