Erwachsen sein

Erwachsensein ist gar nicht mal so leicht. Das stelle ich immer wieder mit großer Verwunderung fest. Als Kind möchte man ja immer am liebsten eines: groß sein. Und als 14-jährige kann man den 18. Geburtstag kaum abwarten, wenn man endlich erwachsen ist. Ob man mit 18 jetzt tatsächlich erwachsen ist, ist nochmal eine ganz andere Frage. Mit 25 sollte man es jedenfalls langsam werden. Und ab und zu denke ich mir: Erwachsensein nervt ganz schön. All die Dinge an die man denken muss. Die Verpflichtungen. Und dass man sich ständig vernünftig verhalten soll. Schön ist das nicht. Jedenfalls nicht immer.

Am Anfang unseres Lebens haben wir nur wenige Verpflichtungen. Wir haben jemanden, der für uns sorgt. Der mit uns den Schulrucksack packt, darauf achtet, dass wir jeden Tag frische Socken anziehen und uns vor dem Schlafen die Haare flechtet. Wir haben jemanden, der Verantwortung für uns übernimmt und uns das Gefühl gibt, dass überhaupt nichts passieren kann. Wir haben ja unseren Schutzraum, einen Ort, an dem keine Gefahren drohen. Als Kind ist es unsere größte Sorge, ob die Hütte, die wir gestern gebaut haben morgen noch steht und dass die Eltern nicht über das Loch in der Hose schimpfen. Wenn man erwachsen wird, ändern sich diese Sorgen. Sie werden größer. Wir tragen jetzt selbst die Verantwortung. Daran muss man sich erstmal gewöhnen.

Meistens finde ich es ziemlich gut, erwachsen zu sein. Jedenfalls etwas. Eigene Entscheidungen zu treffen, mein Leben so zu leben, wie ich es mir vorstelle. Aber es gibt auch Tage, an denen ich mir eine letzte Gewissheit wünsche. Tage, an denen mir die Verpflichtungen, die Rechnungen und Termine einfach über den Kopf wachsen. Ich sitze inmitten von Zettelstapeln und wühle mich durch meine Verpflichtungen hindurch und glaube manchmal, dass ich den Überblick über alles verliere. Dann wünsche ich mir das Gefühl zurück, dass meine Kindheit geprägt hat: Die Gewissheit, dass gar nichts passieren kann. Dass ich aufgefangen werde im schlimmsten Fall. Bedingungslos vertrauen darauf, dass schon alles gut wird.

Wer erwachsen ist, trägt Verantwortung für sein Leben. Er hat Verpflichtungen, muss sich an Regeln halten. Er muss die Rechnungen rechtzeitig bezahlen, die Bücher pünktlich zurückbringen, Termine einhalten und seine Zeit planen. Das gehört dazu. Manchmal ist es aber auch sehr anstrengend. Deshalb bin ich froh, dass es für mich so etwas wie eine letzte Gewissheit doch gibt. Ein Grundgefühl sozusagen, dass mir sagt: Es kann nichts passieren. Ich werde aufgefangen, im schlimmsten Fall. Mein Glaube trägt mich. Ich glaube, dass ich ohne diese Gewissheit viel häufiger ins Straucheln käme. Ins Zweifeln. Alles über Bord werfen würde. Mein Leben muss ich trotzdem managen, die Verantwortung selbst tragen. Ich muss das Chaos auf meinem Schreibtisch lichten und mich durch den bürokratischen Dschungel von Steuererklärungen und Krankenversicherungen kämpfen. Aber, und das ist für mich so wichtig: In den Momenten, in denen mir meine Verantwortung mal schwer wird, in denen mir alles eine Last scheint, kann ich etwas abgeben. Dann trägt mich die Gewissheit, dass ich getragen bin. Ich habe einen Ort, an dem ich mich sammeln kann. In meinem Glauben kann ich etwas von dem Gefühl der Kindheit bewahren: Mir kann nichts geschehen. Ich kann darauf vertrauen, dass am Ende alles gut wird.

Advertisements

2 Gedanken zu “Erwachsen sein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s