Jesus du Opfer

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Ich habe in Marburg Theologie studiert. Jedenfalls zu Beginn. Dieses Bild hat man eine zeitlang an vielen Stellen in Marburg entdecken können. Mich hat es von Anfang an ziemlich an ein Bid erinnert, das viel näher an der Zeit Jesu dran ist: Es stammt vermutlich aus den Jahren 120 n. Chr. und zeigt Jesus am Kreuz mit einem Eselskopf. Hinter beiden Bildern steht eine Vorstellung, die im Christentum lange Zeit vertreten wurde: Gott hat in Jesus ein Opfer gebracht, er hat seinen eigenen Sohn geopfert. Für die Sünden der Menschen. Weil das der einzige Weg war, wieder Versöhnung zwischen Gott und seinen abgefallenen Geschöpfen zu stiften. Ein berühmter Theologe aus dem Mittelalter, Anselm von Canterbury, hat diese, nennen wir sie mal Opfertheologie dann schließlich ausformuliert und zur Grundlage christlichen Glaubens gemacht.  Ich persönlich finde diese Vorstellung wirklich abstoßend. Ein Gott, der seinen eigenen Sohn ans Kreuz schlägt? Ein Gott, der Opfer braucht, um seinen Menschen nahe zu kommen? Steht Gott auf Blut? Nein danke, so einem Gott kann ich nicht vertrauen. Ihm nicht glauben. Ein Glück, dass in diesen Tagen eine Grundlagenschrift der Evangelischen Kirche erscheint, die sich endlich von dieser Vorstellung distanziert.

Und trotzdem ist Jesus ein Opfer. Ich finde den Satz auf dem Bild gar nicht so falsch. Falsch daran ist nur, dass er eine Bedeutung bekommen hat, die einem Schimpfwort gleicht. Du Opfer! Ich höre das häufig bei Jugendlichen. Als Herabsetzung eines anderen. Als Erniedrigung. Du Opfer – das heißt soviel wie: Du wertloses Stück! Du Schwächling oder was man sonst noch einsetzen will. Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Opferbegriff zum Schimpfwort geworden ist. Und das finde ich wirklich erschreckend. Wer zum Opfer wird, dem wird alle Selbstbestimmung genommen. Er wird zu etwas gemacht, von Umständen, von anderen Menschen, was er eigentlich nicht ist. Unfreiwillig. Täter erheben sich über ihre Opfer, stellen ihre Würde über die des anderen. Zum Opfer wird man gemacht durch andere, nicht selbstbestimmt und aufrecht, sondern gebrochen.

Jesus ist ein Opfer geworden. Ein Opfer von Gewalt und Macht. Er hat sich dazu machen lassen. Freiwillig. Hat sich erniedrigen lassen. Sich Gewalt antun lassen. Jesus, nach allem, was wir über ihn wissen, hat von Liebe erzählt. Liebe, die sich ereignen kann zwischen Menschen, selbst zwischen Feinden. Er hat nicht nur von Liebe erzählt, sondern sie gelebt. Er hat sich Verstoßenen genähert, hat Verletzungen geheilt und Glauben erneuert. Er hat Hoffnung geweckt und Demut vorgelebt. Bis zum Schluss.

Wir brauchen einen Tag wie den Karfreitag. Tanzverbot hin oder her. Fisch oder Fleisch, völlig egal. Ich bin sicher: Dieser Tag ist wichtig, weil er ein Tag der Opfer ist. All der Menschen, die auf der Welt an jedem Tag immer noch zu Opfern werden. Freiwillig und unfreiwillig. Der Karfreitag ist ein Tag für die Menschen, die unter die Räder von Macht und Gewalt kommen. Die sonst vergessen werden. Das Kreuz ist ein Zeichen geworden. Nicht zeichen für ein Opfer das Gott gefordert hat. Sondern ein Zeichen, das ein Mensch gesetzt hat: Jesus ist am Kreuz gestorben stellvertretend für all die Menschen, die vor ihm und nach ihm zu Opfern wurden. Gerade jetzt erlebe ich das ganz bewusst, mit den Bildern von dem Flugzeugabsturz, von der Geiselnahme und Tötung von fast 150 jungen Menschen in Kenia, die mir vor Augen sind.

Wenn ich in der Basilika in Trier zu dem Christus am Kreuz blicke, dann ergreift es mich manchmal schon ganz tief innen. Ein schwacher Gott, mag man im ersten Moment glauben. Der sich ans Kreuz hängen lässt. Wird zum Opfer, ohne Gegenwehr. Lässt sich verhöhnen und verspotten. Für mich ist es das stärkste Zeichen, das möglich ist. Ein Gott, der selbst zum Opfer wird, ist einer, dem ich vertrauen kann. Der alle Selbstbestimmung loslässt, sich brechen lässt. So wie es Menschen geht, die am meisten leiden. So ein Gott kann verstehen. Kann nahe sein. Es ist nichts heilvolles am Kreuz allein. Aber es ist etwas Stärkendes, etwas Mitleidiges an diesem Menschen, der sich ans Kreuz nageln lässt. Nicht weil sein Leid sinnvoll ist, sondern weil es mir immer wieder die Sinnlosigkeit von Leid vor Augen führt. Keiner darf Opfer werden. Keiner so gebrochen sein. Daran erinnert mich der Karfreitag.

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3 Gedanken zu “Jesus du Opfer

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