Du bist Gottes Ebenbild

Gestern Abend habe ich in der ARD den Film „Nackt unter Wölfen“ gesehen. Es ist ein deutscher Film, der in den letzten zwei Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die amerikanischen Truppen spielt. Jedes Mal, wenn ich Filme oder Reportagen aus dieser Zeit der deutschen Geschichte sehe, ergreift mich ein großes Grauen. Man sollte ja meinen, dass nach all dem, was man in der Schule über den Nationalsozialismus gelernt hat, nach den tausend Dokumentationen auf N24 und den zahllosen Berichten und Augenzeugenaussagen das Grauen abnimmt. Aber das tut es nicht. Gott sei Dank. Mich beschleicht eine Traurigkeit, ein Ekel und eine unheimliche Fassungslosigkeit angesichts der schrecklichen Dinge, die damals geschehen sind. Immer wieder. Und fast jedes Mal treibt es mir die Tränen in die Augen angesichts dessen, was Menschen zu tun im Stande sind: Das Schlechteste und das Beste.

Als ich nach dem Film noch etwas im Internet gesurft bin, um mich vor dem Schlafen auf andere Gedanken zu bringen, bin ich auf das Motto der letzten Fastenwoche gestoßen, die gestern angebrochen ist: Du bist Gottes Ebenbild. Dieser Satz war für mich nach diesem Film, im Wissen, dass all das keine Fiktion, sondern Wirklichkeit gewesen ist, schwer zu ertragen. Denn er ist nicht nur für mich gemeint. Nicht nur für die Guten unter uns. Sondern für jeden Menschen. Du bist Gottes Ebenbild. Schwer zu glauben, angesichts dieser Bilder.

In der Schöpfungserzählung gleich am Anfang der Bibel heißt es: »So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau.« Ich frage mich: Was ist es, was den Menschen zum Ebenbild Gottes macht? Damit kann nicht eine bestimmte Fähigkeit, sein aufrechter Gang oder seine Rationalität gemeint sein. Es muss etwas in der Ausrichtung des Menschen sein oder besser gesagt in seiner Bestimmung, die ihn zum Ebenbild Gottes macht. Der Begriff der Bestimmung ist für mich ganz entscheidend. Was er ausdrückt ist: Der Mensch hat die Gottebenbildlichkeit nicht, wie eine Eigenschaft, sondern sie gilt für ihn. Das heißt: Der Mensch ist für eine Beziehung zu Gott geschaffen, er ist schon in seinem bloßen Dasein auf Gott bezogen. Weiter heißt das: Niemand ist umsonst, zu klein oder unwichtig. Niemand muss erst etwas leisten oder glänzen um einen Wert zu haben, sondern hat seinen Wert in sich. Weil er Ebenbild Gottes ist. Jeder Mensch hat Kräfte in sich, schöpferisch zu sein, die Welt zu bewegen und zu verändern. Zum Guten. Für jeden Menschen gilt diese Bestimmung, gewissermaßen die Zielperspektive für sein Leben. Aber als Mensch bin ich auch frei. Frei, diese Bestimmung anzunehmen oder nicht. Frei, meine schöpferische Kraft zum Guten zu wenden oder zum Bösen.

Du bist Gottes Ebenbild. Das gilt für jeden von uns. Für jeden Menschen auf dieser Welt, ob er nun an einen Gott glaubt oder nicht, ob er ein Heiliger ist oder ein Mörder. Denn es meint nicht, was ich bin oder habe. Sondern zu was ich bestimmt bin. Die Hoffnung, dass sich einem Menschen diese Bestimmung wieder erschließt darf nicht erlischen. Im Film von gestern verstecken die Gefangenen ein polnisches Kind, das im Lager nicht registriert wurde. Sie riskieren dafür alles. Ist es denn das wert, für dieses Kind vielleicht durch den Schornstein entlassen zu werden?, fragt einer der Gefangenen. Ein anderer erwidert ihm: Sie wollen uns zu Tieren machen, aber wir lassen sie nicht. Vermutlich ist es das, was uns zu Menschen macht. Unsere Bestimmung. Egal ob wir es schaffen, ihr gerecht zu werden oder nicht. Das ist schwer zu akzeptieren. Als die SS das Lager fluchtartig verlässt, verkündet einer der Kapos (Funktionshäftling) über Mikrofon im Lager: Werdet nicht zu Mördern. Keine Lynchjustiz. Sonst sind wir nicht besser als die SS-Mörder.

Du bist Gottes Ebenbild. Es fällt mir schwer, diesen Satz zu akzeptieren, der für jeden Menschen gelten soll. Es hinterlässt ein ungutes Gefühl. Und es lindert nicht das Grauen und die Fassungslosigkeit, die ich angesichts der Ereignisse von damals empfinde. Vielmehr macht es sie noch schlimmer. Wie können Menschen zu so etwas fähig sein, wenn ihre  Bestimmung eine ganz andere ist? Keine leeren Monster haben damals gehandelt, keine Roboter, sondern Menschen. Sie haben andere erschossen, gefoltert und zu unwürdigem Leben herabgesetzt. Menschen haben so an Menschen gehandelt. Ich finde keine Antworten. Und stehe ratlos und erschrocken vor der Gewalt des Bösen. Alles, was mir hilft, ist zu wissen, dass es Menschen gab und gibt, die es immer wieder schaffen, ihrer Bestimmung zu folgen. Sie sind so mutig, dass wir sie nicht vergessen dürfen. Denn sie halten die Hoffnung darauf wach, dass es möglich ist, den Menschen als Ebenbild Gottes zu sehen. Sie zeigen, dass das Böse überwunden werden kann. Mit Menschlichkeit.

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