Vergeben und vergessen

Als Mensch passiert es gar nicht mal selten, dass man Fehler macht. Kleine Fehler: Die falsche Briefmarke aufkleben oder die Bücher nicht rechtzeitig zur Bücherei zurückzubringen. Passiert. Aber immer wieder mache ich auch Fehler, die nicht so klein, nicht so einfach abzutun sind. Fehler, die nicht nur Konsequenzen für mich, sondern vor allem für andere Menschen haben. Für Menschen, die mir wichtig sind. Solche Fehler hinterlassen oft tiefe Verletzungen im anderen. Das unbedachte Wort im Streit. Die herabsetzende Geste vor den Freunden. Der Betrug an meiner Frau. Das Unverständnis für die Sorgen des anderen. Solche Fehler stellen die Beziehung zu dem anderen Menschen in Frage. Sie können sie mitunter sogar ganz zerstören. Und es liegt dann einzig an dem, der verletzt wurde, irgendwie mit dieser Verwundung, mit dieser Verfehlung umzugehen.

Aber das, und das weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung, ist gar nicht so einfach. Verletzungen durch einen Menschen, der mir wirklich viel bedeutet tun weh. Ich möchte so tun, als ob nie etwas passiert wäre. Einfach weitermachen wie immer, nie mehr über diese Sache reden. Die Tat des anderen einfach ignorieren. Oder ich bin so verletzt, dass ich Vergeltung wil. Der andere soll genauso leiden wie ich. Es ist schwer eine Beziehung zu erhalten, die durch eine solche Verfehlung erschüttert wurde. Egal, ob es eine Liebesbeziehung oder eine Beziehung zwischen Freunden oder Eltern und Kindern ist.

Der einzige Weg, auf dem man seine Beziehung noch retten kann, ist Vergebung. Und das ist ja wirklich ungerecht. Ich bin die, die verletzt ist. Ich trage die Wunden der Worte und Taten des anderen und jetzt soll ich allein dafür verantwortlich sein, alles wieder in Ordnung zu bringen? Ich muss die sein, die vergibt? Ich habe das Gefühl: Das ist nicht fair. Es ist zu schwer für mich, das zu tun. Aber – und davon bin ich überzeugt – es ist der einzige Weg. Und ein heilsamer Weg.

Wenn ich versuche, die Verfehlung des anderen einfach zu ignorieren, heißt das dann nicht, dass ich den Fehler überhaupt nicht ernst nehme? Dass ich mich verletzen lasse, einfach so? Und wenn ich den anderen ebenso verletze, zerstöre ich dann nicht alle Grundlage, auf der eine Beziehung noch weiter aufbauen kann? Echte Vergebung scheint der einzige Weg zu sein. Aber wie schaffe ich das? Wie schaffe ich es, nicht bei jedem neuen Streit diese Verletzung wieder auf den Tisch zu packen: „Du hast aber…“ Immer wieder dem anderen seine Fehler nachzutragen, obwohl ich doch gesagt habe: Ich verzeihe dir.

Vergebung heißt für mich: Ich unterscheide zwischen der Verfehlung und dem Menschen, der an mir schuldig geworden ist. Ich muss mich entscheiden, was wichtiger ist und was ich aushalten kann: Ist die Beziehung zu dem Menschen wichtiger für mich als die Verfehlung? Oder ist die Verfehlung allgegenwärtig und lässt keinen Raum mehr für den Menschen? Wenn ich sage: Ich vergebe, dann heißt das für mich: Du bist mir wichtiger als dein Fehler. Er verletzt mich. Aber ich kann es schaffen, meine Beziehung zu dir an erste Stelle zu stellen. Was mich verletzt wird dadurch nicht ungeschehen gemacht, nicht einfach übergangen. Ich sehe es an. Benenne es. Und entscheide mich trotzdem für den Menschen. Und schaffe es irgendwann, echt zu vergeben. So dass der Fehler auf Dauer meine Beziehung nicht zerstören kann. Das lässt mich auch heraustreten aus meiner Rolle als Opfer. Ich bin die, die verletzt wurde. Aber ich bin auch die, die es schafft, zu vergeben. Ich bin stark genug dafür. Nur ich kann diese Vergebung leisten. Und der andere ist auf meine Vergebung angewiesen. Das kann einiges an Schmerz heilen. Und mich stärken. Auch meine Beziehung stärken. Nicht alle Beziehungen schaffen es, tiefe Verletzungen zu überstehen. Aber die, denen es gelingt, im wahrsten Sinne des Worte „heil“ daraus hervorzugehen, sind meist stärker als vorher. Sie haben erlebt, was Liebe leisten kann. Echte Vergebung. Die Neues möglich macht.

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