Gut, dass wir nicht alles wissen

Meine Eltern haben zu Hause im Esszimmer eine Fotowand. Immer, wenn man also am Tisch sitzt, schaut man unwillkürlich auf diese vielen Bilder. Oft nimmt man sie gar nicht richtig wahr, weil man viel mehr mit den Kartoffeln oder dem Kniffelbecher beschäftigt ist. Als ich meine Eltern in der letzten Woche besucht habe, sind mir die Bilder ins Auge gefallen. Fotos von mir und meinem Bruder als Kinder, wir als Familie, meine Eltern mit Freunden bei einer Fahrradtour. Ein Bild zeigt meine Mutter ganz am Anfang ihrer Ausbildung, da ist sie noch jünger als ich jetzt. Mein Vater beim Bergsteigen, Großeltern, Urlaubslandschaften und natürlich der Hund. Der ist immer auf jedem Foto. Fotos – und gerade so eine Fotowand – haben ja etwas total symbolisches. Sie halten Momente des Lebens fest. Auf ihnen erkenne ich, wie sehr ich mich seit meinem dritten Geburtstag verändert habe. Und oft kommt mir dabei ein „Ach, die Hose war immer mein Lieblingshose“ oder „Mensch, die Frisuren damals…“ in den Kopf.

Auf Fotos finde ich Momente meines Lebens wieder. Sie zeigen, was alles schon war. Wie sich mein Leben verändert hat und stetig vorwärts geht. Und als ich die Fotowand letzte Woche betrachtet habe, dachte ich: Welch ein Segen, dass man es nicht weiß, wie es weitergeht im Leben. Dass man nicht mehr sehen kann, als das, was gerade ist. Nur das heute. Manchmal ist es auch furchteinflößend. Nicht zu wissen, was kommt. Man möchte doch so gern auf alles vorbereitet sein. Für alles einen Plan B haben. Viele Leute sagen, wenn sie krank werden: Hätte ich doch gewusst, was kommt. Ich hätte anders gelebt. In diesem Satz steckt viel Schmerz und Bitterkeit über sinnlose Diskussionen, verschenkte Zeit und Dinge im Leben, die man so nicht nochmal machen würde.Wenn ich wüsste, was noch kommt, dann würde ich ganz anders leben. Sicher. Aber wäre ich dann freier? Glücklicher? Gelassener? Das, was ich mir von diesem Wissen verspreche? Oder lebte ich dann nicht in auch in ständiger Furcht, zählte die Stunden, die noch bleiben  bis zum Tag X?

Ich sehe mich als Dreijährige die Kerzen auf meinem Geburtstagskuchen ausblasen. Mit einem lilafarbenen Pullover, es ist ein Igel vorne drauf. Mit Ohrring. Voller Inbrunst blase ich meine Pausbäckchen auf und puste gegen die drei Kerzen auf meinem Schokokuchen an. Meine Mutter steht lachend daneben. Wenn ich mich so dasitzen sehe, dann glaube ich, dass es gut ist, dass wir nicht wissen, was kommt. Mehr noch: Es ist wirklich ein Segen. Nicht zu wissen, was noch auf mich wartet macht mich frei im Leben. Weil ich nicht ändern kann, was kommt. Selbst, wenn ich es wüsste. Und würde dieses Wissen mich dann nicht bis zur Verzweiflung quälen? Nicht zu wissen, was kommt, lässt mich das Leben hinnehmen. Ich darf den Augenblick genießen, nichts Böses ahnend. Ich bin beschenkt mit dem Leben, jetzt und hier. Und morgen? Ich weiß es nicht. Nur das Heute kenne ich. Und eines weiß ich ja sicher: Es gibt ein Ende. Irgendwann. Für jeden von uns. Ich will nicht wissen wann. Und was alles auf diesem Weg noch passiert. Ich will all das Schwere nicht sehen, das noch wartet. Heute ist heute. Ein Tag meines Lebens. Also lasse ich mich ein, puste die Kerzen aus und genieße ihn einfach.

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