Was ist Leben?

Mit meinen Schülerinnen der 9. Klasse bin ich im Moment auf Entdeckungsreise in einem spannenden Thema. Das Thema geht mir nah, es berührt mich, es verlangt mir etwas ab, fordert mein Nachdenken und Fühlen heraus. Ich glaube, meinen Schülerinnen geht es ähnlich wie mir. Was ist Leben? Das ist die Frage, die uns beschäftigt. Wir fragen danach im Blick auf die Präimplantationsdiagnostik (PID). Im Themenfeld „Menschen nach Maß“ hat das seinen Platz, weil wir uns Gedanken darüber machen müssen, ob wir durch die Zulassung der PID in Ausnahmefällen nicht schon im Ansatz einen Maßstab für Leben erschaffen.

Heute hatten wir eine ganz besonders spannende Stunde, als wir uns auf die Frage konzentriert haben: Was ist Leben? Und noch mehr: Wann beginnt Leben eigentlich? Ich habe dann bei meinen Schülerinnen die komplette Debatte um den Lebensbeginn, wie man sie in Kirchen, Ärztekammern und Ethikkomissionen verfolgen kann, wiedergefunden. Leben beginnt, wenn das Herz zu schlagen anfängt. Leben beginnt schon in dem Moment, in dem Eizelle und Samenzelle verschmelzen. Von Leben als menschlichem Leben kann man erst sprechen, wenn das Kind geboren ist. Vom Lebensbeginn ganz am Anfang bis ganz am Ende der Schwangerschaft war alles dabei. Warum das so wichtig ist für die Frage nach der PID? Die klugen Mädchen kommen natürlich auf die Antwort: Wir müssen wissen, ab wann wir von Leben sprechen, wenn wir zulassen, dass Embryonen, die nicht gesund sind, entsorgt werden. Ob es eine eindeutige Antwort darauf gibt sei mal dahingestellt, aber zumindest sollte jede einzelne wissen, welche Antwort für sie persönlich zutrifft. Denn das beeinflusst meine Sicht auf die PID. Es beeinflusst meine Sicht auf Forschung mit Embryonen, die in Deutschland ja durch das Embryonenschutzgesetz noch überhaupt nicht erlaubt ist.

Es ist schwer, eine Grenze zu ziehen. Wann rede ich von Leben, von menschlichem Leben? Und wann nicht? Und mache ich es mir nicht ein bisschen zu einfach, wenn ich die 8 Zellen, die es ja nur braucht für eine PID, als bloße Zellansammlung betrachte? Das Problem dabei ist vermutlich, das man das Gefühl hat, die 8-zelligen Embryonen wären noch kein menschliches Leben, weil sie so wenig wie ein Mensch aussehen. Weil sie in einer Petrischale noch nichts von einem Menschen erahnen lassen. Sie scheinen schlicht „etwas“ zu sein, das keine Gefühle in uns weckt. Keine mütterlichen oder väterlichen. Oder sonst welche. Was ich versuche, ist zu sagen: Wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen: Das sind keine Menschen. Weil wir damit Verantwortung abgeben. Das Gefühl, jemandes Würde zu verletzen schwindet. Was ist schon dabei, ein paar kranke Zellen wegzuwerfen?

Aber wenn ich sage: Es ist menschliches Leben, das ich hier vor mir habe, dann muss ich mich der Sache anders stellen. Ich stehe in der Verantwortung, angemessen mit menschlichem Leben umzugehen. Seine Würde zu schützen. Ich würde sagen: Es erhöht die Hemmschwelle. Und das ist gut.

Ich kann alle Eltern verstehen, die sich ein gesundes Kind wünschen. Ich möchte selbst Kinder haben und natürlich wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass sie glücklich und gesund sein werden. Und ich kann an dieser Stelle niemals völlig ausschließen, dass ich nicht auch eine PID in Anspruch nehmen würde, wenn das der einzige Weg wäre. Es ist immer leicht, Menschen zu verurteilen, wenn man deren Situation nicht erlebt hat, nicht ihre Angst und Zweifel gespürt hat. Das tue ich nicht. Was ich tue ist nur zu sagen: Wir müssen darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir von PID sprechen. Wir reden über menschliches Leben. Darüber, dass wir gesundes Leben krankem und gebrochenem Leben vorziehen. Ich muss fragen: Was heißt das für den Wert von solchem Leben, das nicht den Maßstäben gesund und stark entspricht? Was heißt das für meine Sicht auf Krankheit und Gesundheit? Diese Fragen muss ich mir stellen. Erstmal nur mir. Sie bringen mich in Verlegenheit. Fordern mich. Beschämen mich vielleicht auch an manchen Stellen. Aber ich muss eine Antwort finden. Und sie verantworten.

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