Warum ich Pfarrerin werde

Vertretung in der 6. Klasse. Ich komme rein, es gibt ein allgemeines Pausenbrotdosengeklapper, als die letzten Bissen runtergewürgt und wieder alles im Rucksack verstaut wird. Ich schreibe meinen Namen an die Tafel, immer in der Hoffnung, dass er dann leichter zu merken ist. „Ich wünsche euch einen schönen guten Morgen!“ Zurück schallt es wie ein Mädchenchor: „Guten Morgen, Frau Mantowsky.“ Na prima, geht doch. Die Schülerinnen haben Arbeitsaufträge in Französisch, ich muss also eigentlich nichts weiter tun, als aufzupassen, dass sie die auch wirklich machen. Nach fünf Minuten sehe ich einen Finger in der 2. Reihe. „Frau Mantowsky, sind sie neu?“ „Ja, bin ich.“ „Sind Sie auch eine Referendarin?“ „Nein, ich bin Vikarin. Weiß eine von euch was das ist?“ Nach ein bisschen herumraten kommen wir drauf: „So nennt man die Ausbildung zur Pfarrerin.“ Aha. „Warum wollen Sie denn das werden?“ Das ist der Zeitpunkt an dem alle 29 Augenpaare sich von den französischen Vokabeln lösen und gespannt zu mir nach vorne schauen.

Mit dieser Frage sehe ich mich schon seit meiner Schulzeit konfroniert. Immer wieder haben mich die unterschiedlichsten Menschen gefragt, warum ich tue, was ich tue: Pfarrerin werden. Ich stelle fest, dass sich meine Antwort im Laufe der Zeit verändert hat. Pfarrerin werden will ich nämlich eigentlich schon mein ganzes Leben. Mein Großvater ist Pfarrer und ich muss sagen, dass er mich mit seiner Arbeit sehr geprägt hat. Ohne ihn, das denke ich schon, hätte ich diesen Beruf nicht ergriffen. Aber das ist natürlich nicht alles. Ich habe eigene Erfahrungen gemacht mit Gemeinde, mit Kirche und Glauben. Die haben mich auch geprägt. Ich habe Kirche als Heimat erlebt, als einen Ort, an dem jeder eingeladen ist, ob jung oder alt, gesund oder krank. Ich habe Kirche als einen Ort erlebt, in dem Menschen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeit wirklich gesehen werden. Ich habe erlebt, wie Menschen durch ihren Glauben unglaubliches Leid ertragen konnten, ich habe meinen Glauben selbst als die größte Stütze im Leben erfahren. Aber ich habe auch Dinge erlebt, die mich abgeschreckt und zurückgestoßen haben. Ich habe Facetten von Glaube und Kirche gesehen, die mich zum Zweifeln gebracht haben. Aber alles in allem hat immer das Positive überwogen. Die Kraft, die aus Glauben wächst. Die Gemeinschaft, die in der Kirche erlebbar wird. Die Vorurteilsfreiheit, mit der Menschen sich dort begegnen. Das hat mich festhalten lassen an meinem Ziel.

Warum ich Pfarrerin werde? Anfangs habe ich geantwort: Weil ich mit Menschen zu tun haben will. Mit Menschen aus alles sozialen Schichten, mit Menschen in jedem Alter und in jeder gesundheitlichen Verfassung. Es ist ein Beruf, der mich den Menschen ganz nah bringt. Das will ich. Mit zunehmender Lebenserfahrung habe ich erkannt, dass es noch mehr ist, das mich nicht loslässt am Beruf der Pfarrerin. Schließlich hätte ich sonst auch Sozialarbeiterin oder Therapeutin, Lehrerin oder Polizistin werden können.

Ich werde Pfarrerin, weil ich die Menschen, die mir in meiner Arbeit und in meinem Leben begegnen, an etwas Wunderbarem teilhaben lassen möchte. Auch wenn ich noch sehr jung bin habe ich viel erlebt. Ich habe viele Seiten des Lebens gesehen: überschwängliche Freude, große Liebe, Abenteuerlust, Freundschaften, Enttäuschungen und Scheitern. Ich habe das Leben gesehen und den Tod. Ich habe Angst erfahren und Situationen gemeistert, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Und all das hat mich eines gelehrt: Das Leben ist mehr als die Summe von Momentaufnahmen. Es gibt etwas, das mein Leben, all seine winzigen Bruchstücke, zusammenhält. Es gibt in dieser Welt etwas, das alles Böse, alle Angst und Trauer überwindet. Das stärker ist als Tod und Sterben. Diese Gewissheit macht mich stark. Und hoffnungsvoll. Ich nenne meine Gewissheit Gott. Und meinen Glauben den Glauben an diesen Gott. Und von diesem Geschenk möchte ich in meinem Beruf etwas mit den Menschen teilen. Mit Menschen, die diese Gewissheit noch nicht haben. Ich möchte etwas von dem abgeben, was mich so reich macht. Ich möchte mit den Menschen das Leben feiern, Kinder gesegnet in die Welt schicken, Hände in schweren Stunden halten. Ich möchte die Freudentränen sehen, wenn sich zwei Menschen entscheiden, zusammen durchs Leben zu gehen. Letzte Dinge aushalten, Schuld abnehmen, Freude schaffen. Ich wünsche mir, dass auch andere sehen, wieso mir Kirche und Glaube eine Heimat sind. Und ich möchte mit daran arbeiten, dass die Kirche ein offenes und lebensbejahendes Haus für alle wird. Ich wünsche mir, dass meine Gewissheit sichtbar wird, in dem, was ich tue. In meinem Beruf als Pfarrerin und in meinem Leben. Warum ich Pfarrerin werde? Das, so denke ich, ist meine Antwort. Jedenfalls heute. Das ist vielleicht sehr idealistisch. Dafür nehme ich auch einiges auf mich. Doch ich bin ganz sicher, dass sich all das lohnen wird!

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