Der Plan vom Leben

Am Wochenende habe ich zum ersten Mal in diesem Jahr die Wildgänse gehört. Ich war mit meinen Wanderschuhen unterwegs durch die Felder, als sie über mir am Himmel vorbeizogen. Jedes Jahr finde ich es immer wieder beeindruckend, wie die Vögel ihren Weg zurück finden. Ohne Navi und Kompass. Sie wissen einfach, wo es langgeht. Und wenn sie dann angeflogen kommen, wie ein riesiger krächzender Pfeil am Himmel, dann spüre ich: Es wird Frühling. Als ich weiter durch die Sonne spaziert bin, ist mir ein Gedanke gekommen: Wenn es mal im Leben so einfach wäre. Dass man einfach weiß, wohin man will. Dass man seinen Weg kennt, den man einschlagen will. Wie bei den Wildgänsen, die so etwas wie einen „eingebauten Kompass“ in sich haben, der ihnen sagt, wo es langgeht.

Bei uns Menschen, wie sollte das auch anders sein, funktioniert das meistens leider nicht so einfach. Und wenn es doch mal so ist, dass man genau weiß, was man will, dass man einen ausgefeilten Lebensplan hat, dann macht einem oft das Leben selbst einen Strich durch die Rechnung. Die Sache mit den Lebensplänen ist nämlich häufig die: Sie sind gut, solange sie in der Theorie bleiben. Für die Praxis taugen sie meistens nicht so viel. Weil sie nicht flexibel genug sind, die vielen Wendungen, die das Leben nimmt, mitzuvollziehen. Du weißt genau, welchen Job du willst, hast dir schon die Stadt zum Leben ausgesucht – und dann triffst du den Mann deiner Träume. Pech nur, dass er am anderen Ende von Deutschland lebt. Du hast immer zu deiner Frau gesagt: Wenn ich in Rente gehe, dann genieße ich mein Leben in vollen Zügen. Und wenn es dann soweit ist, wird deine Frau schwer krank. Du willst in deinem Job weit kommen, Karriere machen, viel reisen. Und dann wirst du ungeplant schwanger.

Lebenspläne sind gut. Sie geben meinem Leben eine Richtung, erinnern mich immer wieder daran, wo ich hin will. Aber sie können mich behindern. Wenn sie zum Korsett für mein Leben werden und ich nicht die Pläne dem Leben, sondern das Leben den Plänen anpasse. Ich bin ganz ehrlich: Hätte mir vor 3 Jahren jemand gesagt, dass ich heute in Trier lebe, dann hätte ich ihm vermutlich einen Vogel gezeigt. Für mich war immer klar: Ich werde Pfarrerin in Hessen. Irgendwo zwischen Frankfurt und der Röhn. Das war mein Lebensplan. Aber dann kam mir das Leben dazwischen. Es ist mir am Anfang sehr schwer gefallen, meinen Plan zu verändern, ihn sogar ganz loszulassen. Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, wenn ich jetzt alles verändern würde. Ich habe mich nicht getraut, mein Leben bestimmen zu lassen, wohin es gehen soll.

Heute sage ich: Ich bin glücklich. Ohne ein aber. Ohne Wehmut oder Reue. Ich habe mich getraut, den Plan einen Plan sein zu lassen. Eine Orientierung, nicht mehr und nicht weniger. Und als ich gemerkt habe, dass das Leben mich in eine andere Richtung führt, einen anderen Plan für mich hatte, habe ich mich entschieden, mich darauf einzulassen. Das ist schwieriger als es sich anhört. Aber ich habe gelernt, dass es eine unwahrscheinliche Freiheit und Entlastung mit sich bringt. Was ich gemacht habe? Ich bin eine Wildgans geworden. Bildlich gesprochen. Ich habe meinem inneren Kompass vertraut, meinem Bauchgefühl, das mich in die richtige Richtung führt. Und das ist besser, als es jeder Plan sein kann.

Ich kann auch mal planlos sein. Einfach drauflos leben. Ich sage das mit Nachdruck im Blick auf eine Zeit, in der jeder am besten schon beim Abitur einen Plan für die nächsten 20 Jahre in der Tasche haben soll. Wer einen klaren Plan hat wird irgendwann feststellen, dass er daran scheitert. Weil er entweder den Plan ändern muss oder sein Leben. Was man gewinnt, wenn man den Plan über Bord wirft, habe ich gelernt. Ich gestatte meinem Leben, mich zu überraschen. Ich bin freier und glücklicher, wenn ich die Richtung annehme, die das Leben vorgibt. Das heißt nicht, dass ich nicht plane. Aber ich lasse mehr Leerstellen für das Unvorhergesehene, für plötzliche Wendungen, insgesamt mehr Platz für das Leben. Denn das hält sich bekanntlich nie an Pläne. Zum Glück!

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