Das richtige Maß finden

Was ist eigentlich ein Mensch nach Maß? Diese Frage habe ich mir in der letzten Woche gemeinsam mit meinen Neuntklässlerinnen gestellt. An der Tafel hängen Bilder von schönen Frauen. Frauen mit perfekten Körpern, mit tollen Haaren und einem symmetrischen Gesicht. Bilder von Frauen, die alle gleich aussehen. Ein Storch bringt statt eines Babys ein Reagenzglas. Die perfekte Familie. Das Baby, das man sich zusammenstellen kann wie bei MyMüsli. Bitte ohne Rosinen, aber mit Bananenchips. Die Bilder haben die Schülerinnen mitgebracht. Was ist für euch ein Mensch nach Maß, hatte ich gefragt. Diese Bilder waren ihre Antworten. Was uns auffällt: Vor allem Frauen hängen da an der Tafel. Wunderschöne, perfekte Frauen. Die Schülerinnen kommen von ganz allein darauf: In einer Jungs-Klasse würden an der Tafel vermutlich Bilder aus der Men’s Health oder anderen Hochglanz-Sport-Magazinen hängen. Meistens schauen wir zu Menschen unseres Geschlechts auf. Nehmen sie als Maßstab. Wie die Topmodels an der Tafel.

Ich merke: Das Thema macht die Schülerinnen nachdenklich. Sie sind gerade in einer Lebensphase, in der sie alle nach Maßstäben für sich und ihr Leben suchen. Ein Maßstab ist etwas, an dem man sich orientieren kann, eine Leitlinie oder eben etwas, das das Richtige oder Normale vorgibt  – so haben es meine Schülerinnen ausgedrückt. Ein Maßstab gibt vor, was normal ist. Wer aber macht dann die Maßstäbe, an denen ich mich messe? Die Gesellschaft? Die Modefirmen? Oder bin ich es am Ende selbst, die das Maßband anlegt. Nicht nur um Busen oder Hüfte, sondern auch um mein Leben als Ganzes. Woran orientiere ich mich dabei? All das sind Fragen, die uns in dieser Stunde beschäftigt haben. Und mich. Die ganze Woche.

Ich spüre: In diesen Fragen geht es um mehr als um 90-60-90. Es geht bei der Vorstellung von Menschen nach Maß um Einzigartigkeit. Und ihren Verlust. Es geht darum, dass ich als Person zähle. Ohne wenn und aber. Ohne Maßstäbe. Es geht um die Sehnsucht jedes Menschen, gesehen zu werden. Wie er oder sie ist. Und dabei erstmal stehen zu bleiben. Nicht die Nase vergleichen mit der von meiner Mitschülerin, die so viel kleiner und niedlicher ist. Nicht die kleine Speckrolle an den Supermodels messen. Nicht einen Menschen mit dem anderen messen. Keine Maßstäbe aufstellen, die bewerten. Wo dann am Ende das kranke oder behinderte Kind nicht mal mehr genug Wert hat, zu leben – weil es den Maßstäben nicht genügt. Wo eine drei in der Mathearbeit nichts zählt, weil der große Bruder ja immer einsen schreibt.

Die Fastenzeit erinnert mich an diese falschen Maßstäbe. Du bist schön lautet das Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche. Du bist schön, weil du du bist. Einzigartig. Vielleicht sogar, weil du keinem Maßstab entsprichst. Das macht dich so wunderbar. So unermesslich. Ich glaube, es tut uns gut, die Maßstäbe öfter mal beiseite zu lassen. Menschen Menschen sein lassen, ohne etwas an ihnen zu bewerten. Das tut auch mir gut. Es ist eine schwierige Übung. Vielleicht kann die Fastenzeit mir helfen, einen sanfteren Blick für mich und andere zu gewinnen. EInen Blick, in dem es keine Maßstäbe gibt. Einen dankbaren Blick. Wie es in Psalm 139 heißt: Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Mit meiner kleinen Speckrolle. Mit meiner Schwäche in Mathe. Ich bin wunderbar gemacht. Was für eine Wohltat, mich mit diesem Maß zu messen. Mit dem richtigen Maß: Nämlich der Erkenntnis, dass man uns Menschen nicht messen kann. Jedenfalls das nicht, was an uns so wunderbar ist.

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