Hätte, hätte, Fahrradkette – oder: vom Zweifeln

Im Zweifeln ist man immer gut. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Obwohl viele natürlich denken, dass Theologen und Pfarrer niemals zweifeln. An sich nicht und schon gar nicht an ihrem Glauben. Aber wir tun es. Häufiger als viele denken. Vielleicht sogar häufiger als die anderen. Ich denke allerdings nicht nur an die Glaubenszweifel, sondern auch an Zweifel, die mitten im Leben auftauchen. In meinem Studium habe ich mich schon oft gefragt, ob ich das Richtige tue. Theologie studieren und Pfarrerin werden wollte ich schon immer. Und trotzdem habe ich es immer wieder hinterfragt. Will ich das wirklich? Und dann waren da die Zweifel. Die begleiten einen durchs Studium. Und danach.

Jetzt, am Anfang meiner Vikarszeit, bin ich in der Schule. Ich war in der Grundschule, jetzt bin ich am Gymnasium. Und ich habe wieder gezweifelt. Ziemlich stark. Denn ich liebe das Leben in der Schule. Ich finde es wunderbar, Lehrerin zu sein. Kinder und Jugendliche unterrichten macht mir so viel Spaß, dass es mir schon wieder Angst gemacht hat. Es ist toll zu sehen, was man aus ihnen herausholen kann. Die Momente, in denen ich sehe: Es ist angekommen, sie haben es verstanden, da blüht förmlich mein Herz auf. Gemeinsam mit ihnen auf die Suche gehen, Fragen stellen und mit ihnen beantworten. Einfach herrlich! Und ich habe mich gefragt: Habe ich richtig entschieden? Dass ich auf dem Weg bin, Pfarrerin zu werden? Ich wollte doch auch immer Lehrerin sein. Hätte ich doch mal…

Hätte ich … Hätte ist ein Wort, das ich eigentlich aus meinem Wortschatz streichen möchte. Es zeigt mir Wege, die ich nicht gegangen bin, Entscheidungen, die ich anders getroffen habe. Hätte sticht in die Wunde von verpassten Chancen und vertaner Zeit. Es zeigt mir eine Wirklichkeit, die hätte sein können, die aber nicht ist. Und es sagt: Ich bin selbst Schuld. Ich habe nicht richtig gehandelt. Hätte zeigt mir deutlich: Ich bin an einem Punkt gescheitert. Mein Leben sollte so sein. Aber es ist so. Das tut weh. Grund genug, gerade in der Fastenzeit darauf zu verzichten. „Sieben Wochen ohne Runtermachen“ (www.7wochenohne.evangelisch.de) – das beinhaltet auch, meine Entscheidungen, richtig und falsch, anzunehmen. Es heißt: Mein Leben annehmen wie es ist. Es verändern, wenn es mir nicht gefällt. Aber nicht mich mit verpassten Chance quälen. Denn wer weiß: Vielleicht ist genau das mein Weg.

Heute hatte ich einen richtig tollen Tag in der Schule. Eigentlich Grund zum Zweifeln. Ich merke, wie das Verhältnis zu den Schülerinnen immer vertrauensvoller wird. In einer Klasse hatten wir am Anfang der Stunde ein Gespräch über Dinge, die Angst machen. Die Terrorbilder im Fernsehen machen den Schülerinnen Angst. Nicht nur ihnen. Mir auch. Angst ernstnehmen ist wichtig, da waren wir uns einig. Und darüber sprechen. Damit man nicht mehr allein ist, mit seiner Angst. Und ich habe gemerkt: Ich liebe es Lehrerin zu sein. Aber vor allem liebe ich es, Religionslehrerin zu sein. Sich Zeit nehmen, mit den Schülerinnen über mehr als nur den Stoff zu sprechen. Den Menschen wahrnehmen. Diskutieren: Gab es Jesus eigentlich wirklich? Woher wissen wir das? Warum passieren schlimme Dinge auf der Welt? Was glaube ich? Und was glauben Sie, Frau Mantowsky? Und dieses Gefühl habe ich auch, wenn ich aus dem Krankenhaus nach Hause komme: Etwas von dem Guten teilen, das ich glaube. Das ist es. Mit den Schülerinnen. Die natürlich super sind. Und die Rolle als Lehrerin ist es auch. Aber das eine lieben heißt nicht, das andere in Zweifel ziehen müssen. Das habe ich heute gelernt.

Manchmal zweifeln wir an den Entscheidungen, die wir treffen. Aber wenn wir sie annehmen, weil sie einfach zu unserem Leben gehören, können wir sie neu wahrnehmen. Sie sind nicht unbedingt falsch. Sie führen uns einfach an den Punkt, an dem wir gerade sind. Und vielleicht waren sie deshalb genau richtig. Verpasste Chancen sind es nur, wenn ich nicht aus ihnen lerne. Wenn ich nicht versuche, das Beste herauszuholen. Oder nochmal alles zu verändern. Ich kann nur von dem Punkt starten, an dem ich stehe. Dahin haben mich meine Entscheidungen geführt. Richtig oder falsch. Ganz egal. Und manchmal, da weist mich der Zweifel auch nur darauf hin, näher hinzuschauen und zu erkennen: Eigentlich habe ich alles, was ich will. Ich muss es nur in einem anderen Licht betrachten.

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