Der Morgenschrei

Manchmal erlebt man Dinge, die fast an einem vorbeiziehen, ohne dass man Notiz von ihnen genommen hätte. Man ist in Gedanken und schwups…entgehen einem die besten Sachen. Heute Morgen hatte ich so ein Erlebnis. Ich war auf dem Weg zur Schule. Ich hatte in der 1. Stunde die 6er und war in Gedanken schon bei meinem Arbeitsblatt, als es links von mir aus einem Fenster laut brüllt. Wie ein Löwe. Huuaaaaaaaaaa. Von der Stimme her würde ich sagen, es war ein Grundschüler. Vielleicht 7 oder 8. „Was war denn das,“ fragt eine Frauenstimme. Vermutlich die Mutter. „Na der Morgenschrei,“ antwortet der Junge, als ob das nicht völlig selbsterklärend wäre.

Ich habe das fast überhöhrt. Nur so am Rande habe ich es mitbekommen. Aber nach ein Paar Schritten habe ich dann innegehalten und über die Schulter zurückgeschaut. In einem hell erleuchteten Zimmer sehe ich einen Jungen im Autopyjama die Rolläden hochziehen. So,so. Das ist also dieser Morgenbrüller, denke ich mir. Schmunzelnd gehe ich weiter. Gut, dass er so laut gebrüllt hat. Sonst hätte ich diesen Satz um ein Haar verpasst.

Huaaaaa. So ein Morgenschrei wäre manchmal wirklich angebracht. Wenn man sieht, was für ein Tag vor einem liegt. Voller Zeugs, manchmal auch unangenehmes Zeugs, das zu erledigen ist. Da wäre es gut, wenn man morgens schonmal seine ganze Energie bündelt, alle schlechten Gedanken und Sorgen in einen Schrei legt, der die Seele befreit. Mein Freund sagt mir immer, wenn ich mal mit richtig mieser Laune nach Hause komme: Schüttel alles raus. Die schlechte Laune abschütteln. Jeder hat da so seine Methoden. Brüllen. Schütteln. Meredith und Christina von Grey’s Anatomy tanzen immer. Jeder braucht wohl so etwas wie einen Morgenschrei.

Dieses kleine Erlebnis hat heute meine Gedanken gefangen genommen. Das wird dieser Junge vermutlich nicht wissen. Aber er hat mir etwas zum Grübeln mit auf den Weg gegeben. Und einen guten Gedanken: Wie viel freier wir alle wären, wenn wir mal alle Energie einfach rauslassen würden. Gute und schlechte. Vielleicht mal so richtig brüllen. Oder gegen einen Boxsack hauen. Oder vielleicht einfach mal sagen, was quersitzt. Was nervt, ärgert oder Angst macht. Das würde viel helfen. Nur wir Erwachsenen sind uns meisten zu erwachsen für so was. Man muss schon was aushalten können. Die Dinge mit sich selber ausmachen. Ich bin da oft genug mein bestes Beispiel.

Aber heute Morgen habe ich diesen Jungen brüllen hören. So richtig laut. Gleich nach dem Aufstehen. Und wie er so selbstverständlich sagte: „Na der Morgenschrei,“ da habe ich mir gedacht: Ist doch eigentlich ganz leicht. Alles rauslassen. Morgens schonmal fühlen, dass man da ist. Man muss ja nicht gleich brüllen. Einmal tief ein- und ausatmen bevor man die Füße aus dem Bett schwingt. Eine positive Sache im Tag ins Auge fassen. Kurz dankbar sein, dass man die Augen wieder aufgemacht hat. Wieviel mir entgeht, wenn ich das nicht tue, habe ich heute morgen gemerkt. Und wieviel Klarheit und Dankbarkeit für meinen Tag ich gewinne, wenn ich ihn so richtig in Empfang nehme. Zur Not auch mit einem Morgenschrei.

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