Jesus der Mensch

In der Oberstufe geht es in der Unterrichtsreihe um Jesus Christus. Erstmal lange Gesichter: Müssen wir jetzt das ganze Jahr in der Bibel lesen? Sowas bringt mich schon zum Schmunzeln, wenn ich ehrlich bin. Ich sehe mich selbst noch als Schülerin, das ist ja immerhin noch gar nicht so lange her, die nie Lust auf Bibelarbeit in der Schule hatte. Ist ja auch keine besonders verlockende Aussicht für eine 17-jährige ein Halbjahr lang ständig Bibeltexte zu bearbeiten. Aber die Hauptquelle, aus der wir etwas über Jesus erfahren, ist nunmal die Bibel. Deshalb lässt es sich nicht vermeiden, ab und an mal reinzuschauen. Damit man sich dann seine eigenen Gedanken machen kann. Wissen ist immerhin die Grundlage für einen mündigen Menschen – so viel ist ja mal klar.

In der ersten Stunde habe ich dann mit den Schülerinnen Fragen gesammelt: Was wollte ich schon immer über Jesus wissen? Was habe ich mich bisher nicht zu fragen getraut? Was soll dieser Kurs mir unbedingt beantworten? Und wie Schülerinnen eben sind, haben sie tausend tolle Gedanken. Es gibt eine Frage, die mich besondern nachdenklich gemacht hat: Warum wird über Jesus eigentlich nie erzählt, dass er mal etwas Schlechtes gemacht oder sich mal falsch verhalten hat? Warum erfahren wir nichts davon, dass er auch mal gescheitert ist? Vielleicht wird jetzt klar, warum ich die Schule und das Unterrichten so liebe – nämlich genau wegen solcher Fragen.

Die Schülerinnen haben sich die Frage im Grunde selbst beantwortet, als wir die biblischen Quellen durchgenommen haben: Alle Texte des Neuen Testaments sehen durch die Osterbrille, d.h. sie sind alle erst nach Ostern entstanden. Was für die Christen so wichtig ist, nämlich der Glaube daran, dass Jesus auferstanden ist, wird schon vorausgesetzt, als die Texte entstanden sind. Keine Zeitzeugenberichte, so wie wir das heute haben. Erst gab es nur Geschichten, die erzählt wurden. Von Menschen, die sich in ihrem Glauben bestärkt haben. Die Jesus und seine Hoffnungskraft nicht vergessen wollten. Darin liegt dann auch die Antwort auf die Frage: Die neutestamentlichen Texte sind Glaubenszeugnisse. Menschen berichten von Ereignissen, die ihren Glauben gestärkt haben. Und das sind vor allem die, in denen Jesus Gutes getan und Hoffnung gemacht hat. Man wollte nur das Gute behalten und das – so vermute ich – ist eben der Grund, das wir von ihm kein falsches Verhalten überliefert haben.

Aber trotzdem gibt es einen Text, der Jesus als echten Menschen zeigt. Und er steht in der Bibel, genauer im Markusevangelium, Kapitel 14:

Jesus und seine Jünger kamen zu einem Garten, der Getsemani hieß. Dort sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Bleibt hier sitzen, während ich bete.“ Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Plötzlich überfielen ihn Angst und Schrecken, und er sagte zu ihnen: „Ich bin ganz verzweifelt. Am liebsten wäre ich tot. Wartet hier und bleibt wach.“ Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter. Dort warf er sich zu Boden und bat Gott, ihm diese schwere Stunde zu ersparen, wenn es möglich ist. Er sagte: „Abba, mein Vater, für dich ist alles möglich. Nimm doch diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss! Aber nicht, was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!“

Hier ist nicht Jesus, der Sohn Gottes zu sehen, sondern der Mensch. Ein Mensch, der mit seinem Schicksal hadert, der nur leben will. So sehen wir Jesus in der Bibel nicht zu oft. Vielleicht ist diese Stelle deshalb um so wichtiger. Weil sie in all den Erinnerungen an den Jesus, an den die Menschen geglaubt haben, etwas von dem Menschen zeigt, der er war. Ein ebenso verletztlicher und lebenshungriger Mensch wie ich. Hätten meine Schülerinnen mich nicht auf die Spur geführt, hätte ich sicher nicht darüber nachgedacht. Es ist natürlich nichts Schlechtes, kein falsches Verhalten. Aber es zeigt das, worauf die Frage zielt: War er wirklich ein Mensch? Denn dann muss es auch Momente der Schwäche gegeben haben. Und dieser Moment bindet mich persönlich noch stärker im Glauben. Zu glauben, dass der große Hoffnungsmacher Jesus in all seiner Menschlichkeit so viel erreicht hat, dass er trotz seiner Angst und Zweifel bis zum Ende gegangen ist, das macht mir Mut. Es sagt mir: Ich kann etwas verändern. Vielleicht gerade in meinen schwächsten Momenten. Denn dann sehen mich andere , wie ich bin: Als einen Menschen.

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