Zwei Brillen – Zwei Perspektiven

Mit den Mädels aus der 9. Klasse mache ich gerade das Thema „Glaube und Naturwissenschaft“. Letzte Stunde haben wir überlegt, wie oder besser gesagt ob diese beiden Dinge zusammenhängen. Bilden sie einen Gegensatz oder kann man sie irgendwie auf einen Nenner bringen? Deutlich wird das ja an der Frage nach der Entstehung der Welt. Die Bibel redet von der Schöpfung. Gott hat die Welt geschaffen. Die Naturwissenschaften reden vom Urknall. Spätestens seit Hubbles wissen wir: Das Universum hat einen Anfang. Es dehnt sich weiter aus. Die Naturwissenschaft schließt von hier aus auf einen „Urknall“. Bricht damit die Koninuität zwischen einem davor und einem danach ab?

Wer mich in dieser Frage weiterbringt, ist ein Theologe, mit dem ich sonst ab und an mal nicht ganz einverstanden bin: Martin Luther. Er schreibt in seinem Kleinen Katechismus über das Glaubensbekenntnis: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen und Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; … mich wider alle Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt, und das aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn alle mein Verdienst und Würdigkeit. Was ich ganz wichtig finde an diesem Text sind die ersten beiden Worte: Ich glaube… Für mich sagt das viel über die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Wissenschaft aus. Vor allem im Blick auf die Entstehung der Welt.

Ich bin völlig bei der Naturwissenschaft, wenn es um die Frage nach der Entstehung der Welt geht. Spätestens seit Darwins „The origin of Species“ wissen wir ja, dass der Mensch nicht Knall auf Fall da war, sondern sich allmählich entwickelt hat. Aber ob man soweit gehen muss, mit Darwin die Zufälligkeit des Menschen zu behaupten? Ich kann auch die Argumente für die Entstehung der Welt in einem sogenannten „Urknall“ nachvollziehen. Auch wenn mir das natürlich schwer fällt, weil Chemie und Physik in der Schule nie zu meinen starken Fächern gehört haben. Aber vorstellen kann ich es mir. Und überzeugen lasse ich mich auch davon.

Aber das heißt für mich nicht, dass ich nicht an einen Schöpfer glauben kann. Dass ich nicht daran glauben soll, dass ich geschaffen bin. Ich glaube daran. Und weiß trotzdem um die naturwissenschaftliche Erklärung. Ich finde sie richtig. Aber sie reicht mir nicht. Es reicht mir nicht, dass die Erde eine zufällige Ansammlung von Milliarden an Atomen sein soll. Dass es purer Zufall ist, dass es den Menschen gibt. Wenn ich von der Schöpfung rede, dann habe ich keinen Gott mit Werkzeugkasten im Blick, der die Welt in 6 Tagen zusammengezimmert hat. Wenn ich die Schöpfungsberichte lese, dann erfahre ich aus ihnen nicht, wie z.B. die Kreationisten die Wahrheit über die Weltentstehung. Das nicht. Was ich erfahre ist die Sehnsucht vieler Menschen nach einem Sinn. Die Hoffnung, dass die Welt nicht ein Produkt des Zufalls ist und der Mensch ebenso. Ich rede von Schöpfung, weil ich daran glaube, dass es einen Grund gibt, dass ich da bin. Dass du da bist. Dass ich Gott meinen Schöpfer nenne, hat wenig mit Kinderglauben zu tun. Aber viel mit Hoffnung.

Für mich sind es nicht zwei verschiedene Weltbilder, wenn ich von Urknall und Schöpfung rede. Es sind zwei Brillen, die ich aufziehe, um die Welt und das, was in ihr ist, anzusehen. Ich sehe die Welt, als einen Kosmos in einem Universum, das sich ausdehnt. Ich weiß um die Evolution. Kenne die Urknallhypothese. Sie überzeugen mich. Aber ich sehe die Welt auch als einen Ort, der sein soll. Jeder Baum, der in der Erde wurzelt, mit seinen feingliedrigen Ästen, Blättern und Blüten, jedes Kind, das im Bauch seiner Mutter heranwächst, jeder Herzschlag – all das sind für mich Zeichen der Schöpfung. Ein Wunder, dass es uns gibt. Vielleicht Zufall, ja. Aber wunderbar. Und wenn ich sage: Ich bin geschaffen, dann heißt das für mich auch: gewollt, bejaht, sinnvoll. Deswegen rede ich von Schöpfung. Nicht nur. Aber auch.

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