Vom Versuch zu lieben

Ich habe heute mal wieder in der Bibel gelesen. Das kommt nicht jeden Tag vor. Aber im Moment bin ich im Seminar in Landau. Und wie es sich für ein gutes kirchliches Haus gehört, steht auf jedem Zimmer eine Bibel im Regal. Eigentlich bereite ich gerade eine Unterrichtsstunde für die 11. Klasse vor, aber mein Blick ist abgeschweift und kleben geblieben an dem dicken Wälzer im Regal. Also habe ich sie aufgeschlagen. Und bin beim vermutlich beliebtesten Trauspruch aller Zeiten gelandet: 1 Kor 13. Paulus schreibt hier an die völlig zerstrittene Gemeinde in Korinth und erinnert sie daran, was eigentlich die zwischenmenschlichen Beziehungen aufrecht erhält: Die Liebe. Die Liebe ist geduldig und gütig. Sie gibt nie jemanden auf, in jeder Lage vertraut und hofft sie für andere, alles erträgt sie mit großer Geduld. Die Liebe hört niemals auf.

Paulus redet hier vermutlich gar nicht von der Liebe, die ein Mensch haben kann. Sondern von einer Liebe, an der ich mich als Mensch orientieren kann: Die Liebe Gottes. Menschliche Liebe, da muss ich mal ganz ehrlich sein, hat nämlich ihre Grenzen. Sie ist nicht so unendlich geduldig und beständig wie diese Liebe, die Paulus beschreibt. Ich muss nur auf mich selbst schauen: Es kommt vor, dass meine Liebe besitzergreifend wird und nicht genügend Freiheit lässt. Dass sie andere aufgibt, wo sie eigentlich einen längeren Atem haben müsste. Dass sie aufhört.

Und doch sage ich: Ich habe diese Liebe, von der Paulus redet. Die Liebe, die eben nie aufhört. Nie aufgibt. Freiraum lässt. Die beständige und gütige Liebe, die nur den anderen im Blick hat. Ich habe sie. Oder zumindest Teil an ihr. Manchmal. Sie blitzt auf in meinen Begegnungen mit Menschen. Wenn mich mein Vater in die Arme schließt und ein Moment entsteht, in dem man ohne Worte sagen kann: Ich brauche dich. Wenn ich bereit bin, alles zu geben für einen anderen, meine ganze Welt zu seinen Füßen lege. Wenn ich wütend werde, weil Menschen Ungerechtigkeit widerfährt. Wenn eine Freundin sofort an meiner Tür klingelt, weil sie weiß, dass ich sie brauche.

Mehr als ein Aufblitzen dieser Liebe ist nicht möglich in meinem Leben. Weil ich ein Mensch bin. Manchmal selbstsüchtig und verworren. Aber was dieses Aufblitzen mit mir macht, wie kostbar es mir ist, das kann ich kaum mit Worten ausdrücken. Wenn ich etwas wahrnehme von der Idee, dass Liebe sich lohnt, weil sie sich orientiert an einer Liebe, die so viel mehr kann und vermag als meine eigene, dann macht es mir Mut. Mut, immer wieder neu zu lieben. Immer wieder alles zu geben. Keine halben Sachen zu machen. Mich ganz hinzugeben. Es macht mir Mut zu lieben. Geduldig zu sein. Nie aufzugeben. Nie aufzuhören. Weil ich weiß: Diese große Liebe ist nur zu sehen in meiner kleinen, ungeduldigen und widerspenstigen Liebe.

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