Das Wunder der Sauerkrautsuppe

Am Sonntag war ich in der Kirche. Ich muss zugeben: Auch ich schaffe es nicht jeden Sonntag zum Gottesdienst. Und dann, wenn ich schonmal da bin, passiert es mir auch manchmal, dass ich bei der Predigt völlig aussteige. Ich höre die ersten Minuten. Und dann kommt irgendein Gedanke. Der nimmt mich mit. Dann bin ich weg. Ganz bei mir. Und erst beim Schlusswort tauche ich wieder aus meinen Gedanken auf und wundere mich, wie schnell die Predigt doch vorbei war.

Ganz ehrlich: Ich finde das überhaupt nicht verwerflich. Manchmal ist das so, dass der Kopf voll ist – kein neuer Gedanke passt mehr rein. Oder ein Wort bringt mich auf die Spur für einen eigenen Gedanken. Oder ich sehe einen Käfer am Fenster krabbeln. Oder oder oder. Das hat nichts damit zu tun, ob die Predigt besonders gut oder schlecht ist. Das ist einfach so. Und ich bin sicher: Nicht nur mir geht es so.

Am Sonntag ging es um das Wunder Jesu in Kanaan: Er ist auf einer Hochzeit und der Wein ist alle. Das geht natürlich nicht. Kein Wein auf der Hochzeit! Was passiert also? Jesus lässt Krüge mit Wasser füllen und siehe da: Es wird zu Wein. Nicht irgendein Wein, sondern der beste. Beerenauslese sozusagen. Die Bibel erzählt hier ein Wunder, das Jesus vollbracht hat. Und die Pfarrerin fragt: Ja, mit Wunder ist das so eine Sachen, nicht? Was ist denn ein Wunder überhaupt? Und fängt an, zu erklären. Aber da bin ich dann schon weg.

Denn ich musste bei dieser Geschichte an meinen Opa denken. Der war noch echt jung, als er in den Krieg eingezogen werden sollte. Ganz kurz vor Schluss. Als eigentlich alles schon vorbei war und die Amerikaner schon anrollten. Er und andere Jungs aus seinem Dorf wurden also mitgenommen und machten Halt in einer Zwischenstation irgendwo in Deuschland. Und da haben sie gemeinsam beschlossen: Das hier geht gar nicht. Wir machen die Fliege. Und sind abgehauen. Tagelang zu Fuß unterwegs. Immer nur in der Dunkelheit, damit sie keiner findet. Die Schuhe lösten sich langsam schon auf. Und zu essen gab es nur, was man im Schutz der Dunkelheit stibizen konnte.

Das erste richtige Essen, das er dann wieder bekommen hat, hat er nie vergessen. Oft hat er das erzählt. Auf einem Hof, bei Bauersleuten: Sauerkrautsuppe. Dabei war mein Opa immer recht schnesig, was Essen angeht. Wenn die Butter nicht dick genug drauf war auf dem Brot oder Margarine – die eignet sich nur als Wagenschmiere. Aber diese Sauerkrautsuppe, die war wie ein Wunder, so hat er mal gesagt. Das beste, was er je gekostet hatte.

Die Geschichte fiel mir ein, als ich am Sonntag in der Kirche war. Leider habe ich nicht mitbekommen, was die Pfarrerin für ein Wunder hielt. Aber das Wunder meines Großvaters, das mich an das Weinwunder von Jesus erinnert, das wurde mir ganz deutlich. Manchmal sind es die kleinen Sachen, die ganz große Wunder für uns werden. Als ob Wasser Wein wird. Oder Sauerkrautsuppe Leben rettet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s