Gemeinsam hoffen

Wir sind alle verängstigt. Die Gewalt und der Terror, die die Welt in immer neuen Wellen erschüttern, machen mir Angst. Ich bin sicher nicht allein damit. Heute in der Schule brechen diese Ängste mitten im Religionsunterricht auf. Eine Schülerin hat das Interview von Jürgen Todenhöfer gesehen. Das treibt sie jetzt um. Es wird deutlich: Die Schülerinnen haben Angst. Sie sind unsicher. Was passiert als nächstes? Welche Rolle spielt der Islam eigentlich dabei? Ich merke, dass hier ganz viel durcheinander geht – und damit sind die Schülerinnen ja nicht allein: Schon die Begrifflichkeiten Islam und Islamismus geraten meistens durcheinander.

Als ich aus der Schule komme, bin ich richtig aufgewühlt. Mir geht es ja nicht anders als den Mädchen. Auch mich beschäftigt das alles ständig. Also setze ich mich aufs Sofa und tue, was ich schon lange tun wollte: Ich lese im Koran. Nicht den ganzen, dazu ist er nun wirklich zu dick für einen Nachmittag. Aber ich arbeite mich durch. Halte mal hier an, mal dort. Immerhin beruft sich der deutsche IS-Kämpfer im Interview ständig auf den Koran. Und was lese ich als erstes? Der erste Satz der ersten Sure lautet: Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen. Unter diese Eröffnungsworte wird der Koran gestellt. Unter einen barmherzigen und gnädigen Gott. Ich finde Worte für Frieden, gegen den Zwang im Glauben, Hoffnung auf ewigen Frieden. Ja, ich finde auch Worte, die zu Gewalt aufrufen, aber soll ich da mal in der Bibel anfangen? Die alten Offenbarungschriften stammen aus Zeiten, die nicht unsere sind. Deshalb stehen in ihnen auch Worte, die z.T. nicht mehr unsere sind. Sie nutzen Bilder und Vorstellunge, die wir nicht mehr benutzen können.

Islam leitet sich vom arabischen Verb aslama ab, was soviel wie „sich hingeben“ meint. Sich Gott hingeben. Ich möchte mehr wissen und lernen über den Islam. Ich will mich nicht von Ängsten überwältigen lassen, weil ich nicht genug weiß. Ich will Menschen, die mit inhaltsleeren Argumenten den Islam beschimpfen und verantwortlich machen mit Wissen begegnen.

Es ist nicht der Islam, den wir fürchten sollten. Es sind die Menschen, die ihn missbrauchen um Macht an sich zu reißen. 99 % der Muslime, da bin ich sicher, lehnen diesen Missbrauch ebenso ab, wie wir. Vielleicht sogar noch mehr als wir, weil ihr Glaube, was ihnen heilig und wichtig ist, durch den Schmutz gezogen wird. Ich möchte deutlich sagen, dass sie unsere Brüder und Schwestern sind. Sie sind Menschen. Wir sind Menschen. Damit sind wir gleich. Religion darf uns in dieser Zeit nicht mehr trennen. Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, zuerst unsere Mitmenschen zu sehen, nicht auf ihre Religion oder Herkunft zu blicken.

Ich bin Christin. Ich bin es aus ganzer Überzeugung. Deshalb werde ich Pfarrerin. Das heißt aber nicht, dass ich deshalb andere Überzeugungen und Religionen ablehne. Wir Menschen deuten unsere Welt. Und wir tun es immer auf dem Hintergrund unserer Kultur. Darin unterscheiden sich unsere Religionen. In ihren kulturellen Einflüssen. Wir alle glauben an einen Gott. Er hat verschiedene Namen. Und doch hoffen wir im Glauben alle auf dasselbe: Auf das Gute. Dass diese Welt ein besserer Ort wird. Dass Friede ist. Das wenigstens können wir gemeinsam hoffen. Und wir können gemeinsam daran arbeiten.

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