#Jesuis

Scheiße! Meine erster Gedanke, als ich von den Anschlägen in Paris höre. Ein richtiger Schock. Im Fernsehen überall die gleichen Bilder. Ich lese neben den Vorbereitungen für die Schule im Live-Ticker von Spiegel online mit. Zuerst kann ich es gar nicht glauben. Nicht Irak oder Afghanistan. Nicht Syrien. 400 km, knappe 4 Stunden mit dem Auto von hier ist das alles passiert. Das macht es nicht schlimmer. Aber es rückt näher in meinen Lebensraum.

Überall auf der Welt nehmen Menschen Anteil an dem, was in Frankreich passiert ist. Immer mehr Bilder: #Je suis Charlie. Als ich am Donnerstag Abend mit meinem Freund und meinem Bruder auf dem Weg zum Einkaufen bin, diskutieren wir: Warum ist das in Frankreich eigentlich jetzt so etwas Besonderes? Und warum nimmt keiner solchen Anteil an den anderen Menschen, die sterben? Überall sind doch diese Anschläge. Ja, im Irak regt sich darüber keiner mehr auf. 20 Tote? Ja, lecker die Pizza. Wie geht’s deinem Arbeitkollegen?

Ich denke, dass es der Angriff auf die Freiheit ist, der die Menschen so erschüttert und aufwühlt. Die Pressefreiheit ist einer der Grundpfeiler einer demokratischen und offenen Gesellschaft. Und wenn Menschen brutal ermordet werden, weil sie sich dieser Freiheit bedienen, dann macht uns das die Gefährdung unserer Freiheit schmerzlich bewusst. Und gerade in Frankreich, der Wurzel der europäischen Grundwerte Freiheit, Gleicheit und Brüderlichkeit, wird das ganz besonders deutlich.

Und doch: Ich bin nicht Charlie. Ich verfolge das Grauen und die anschließende Debatte aus sicherer Entfernung. Auch wenn ich mich gleichermaßen empöre, wenn ich meine Freiheit mehr als alles andere will, wenn ich die Gewalt, die ein verfremdeter Glaube rechtfertigt verabscheue. Aber: Ich habe niemanden verloren. Ich bin nicht gestorben. Ich bin noch hier. In meinem Wohnzimmer vor dem Laptop.

Nichts ist falsch an #JesuisCharlie. Das Ereignis hat uns alle wachgerüttelt. Es zeigt: Wir müssen zusammenhalten für die Freiheit. Der Terror darf nicht gewinnen. Aber wer ist nicht alles Charlie in den letzten Tagen. Von der NPD über Pegida bis zu den Grünen und allen möglichen Zeitungsredaktionen. Das Grauen, das sich in Paris ereignet hat, darf nicht instrumentalisiert werden. Mit dem Leben dieser Menschen darf nicht das Image poliert, nicht gehandelt werden. Und es dürfen nicht die anderen Menschenleben vergessen werden, die der Terror fordert.

Ich bin nicht Charlie. Ich bin Vera. Ich nehme Anteil an dem, was passiert ist. Lasse mich wachrütteln und durchschütteln von einem Schreckensschauer. Ich lasse mich berühren. Ich bin wütend. Ich will etwas tun. Weil es an so vielen Orten diesen Terror gibt. Weil so viele Menschen im Namen der Gewalt sterben. Lasst uns nicht nur Charlie sein. Lasst uns für Freiheit sein. Für Gleichheit aller Menschen. Für Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit.

Ich hoffe, dass etwas von diesem Gefühl bei uns allen übrigbleibt, das sich gerade in #JesuisCharlie ausdrückt. Es geht nur miteinander. Deshalb reicht es nicht, zu sagen: Ich bin… Sondern: Du bist… Du bist mein Bruder, meine Schwester, egal wo du herkommst, welche Sprache du sprichst. Deshalb sag ich: Ich bin ein Mensch. Je suis un homme. Und du auch. Das ist ein Anfang.

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