Kein Bodybuilder-Gott

Für meine Unterrichtsvorbereitung in der 11 habe ich heute in meinem Bücherregal gestöbert. Ich bin auf einen Text aus Eric-Emmanuel Schmitts „Oskar und die Dame in Rosa“ gestoßen. Oma Rosa, eine freiwillige Helferin im Krankenhaus besucht Oskar in seinem Zimmer. Oskar hat Krebs. Deswegen ist er da. Sie beschließen, einen Ausflug zu machen:

„Wollen wir nicht den lieben Gott besuchen?“ „Ach, haben Sie seine Adresse rausgekriegt?“ „Ich glaube, er ist in der Kapelle.“ Oma Rosa zog mich an, als würden wir zum Nordpol aufbrechen, sie nahm mich in die Arme und führte mich zu der Kapelle, die sich im Krankenhaus befindet, noch hinter den vereisten Grünflächen, na ja. Dir brauche ich ja nicht zu erklären, wo dein Zuhause ist. Ich habe natürlich einen Riesenschreck bekommen, als ich Dich dort hängen sah, als ich Dich in diesem Zustand gesehen habe, fast nackt, ganz mager an Deinem Kreuz, überall Wunden, die Stirn voller Blut durch die Dornen, und der Kopf, der Dir nicht mal mehr gerade auf den Schultern saß. Das hat mich an mich selbst erinnert. Ich war empört. Wär ich der liebe Gott, wie Du, ich hätte mir das nicht gefallen lassen. „Oma Rosa, im Ernst: Sie als Catcherin. Sie als ehemaliger Superchamp, Sie werden doch so einem nicht vertrauen!“ „Warum nicht, Oskar? Würdest du dich eher einem Gott anvertrauen, wenn du einen Bodybuilder vor dir hättest, mit wohlgeformten Fleischpaketen, prallen Muskeln, eingeölter Haut, kahlgeschoren und im vorteilhaften Tanga?“ „Ähm…“ „Denk nach Oskar. Wem fühlst du dich näher? Einem Gott, der nichts fühlt oder einem Gott, der Schmerzen hat?“ „Einem der Schmerzen hat natürlich. Aber wenn ich er wäre, wenn ich der liebe Gott wäre, wenn ich so wie er alle Möglichkeiten hätte, würde ich mich um die Schmerzen drücken.“ „Niemand kann sich um Schmerzen drücken. Weder Gott noch du. Weder deine Eltern noch ich.“

Mich hat dieser Text heute sehr berührt. Vielleicht ist das, was im Gespräch zwischen Oskar und Oma Rosa zur Sprache kommt, der wichtigste Grund, überhaupt zu glauben. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Geschichte von dem Mann am Kreuz immer noch so viele Menschen anspricht. Einige mögen vielleicht sagen: Wie kann man an einen solchen Schwächling glauben? Von wegen Gott, dann wäre er sicher nicht gestorben! So, wie Oskars Einwand auch zuerst lautet.

Für mich ist die Botschaft vom leidenden Christus am Kreuz die: Gott ist in liebender Solidarität bei denen, die Gewalt leiden müssen. Nicht, dass Leid dazugehört, ist die Botschaft. Leid soll nicht sein. Aber im Leid bin ich nicht allein. Darauf darf ich hoffen. Nicht am Punkt seiner größten Macht hat sich Gott den Menschen gezeigt, sondern am Punkt seiner größten Schwäche. Und das Wort „Auferstehung“ bedeutet dann für mich: Nicht im Leid ist das Ende zu suchen, sondern in seiner Überwindung.

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