Diese Welt ist perfekt

Am Donnerstag geht für mich die Arbeit wieder los. Ab dann bin ich am Gymnasium, Mädchenschule. Das wird nochmal spannend. Heute Nachmittag saß ich deswegen am Schreibtisch: Vorbereitungen. In der 11 Christologie, in der 9 Hirnforschung. Da ist alles dabei. Damit’s mir nicht langweilig wird hab‘ ich mich nebenbei von Spotify berieseln lassen. Und dann kam ein Lied, an dem ich hängengeblieben bin, obowhl ich es eigentlich schon kenne. „So Perfekt“ von Caspar. Ich weiß auch nicht, warum mich der Text heute so gebunden hat, aber ich hab von meinen Sachen hochgeschaut und nachgedacht:

…sag dir, diese Welt ist perfekt
perfekt!
Du lachst, du weinst, du strahlst, du scheinst.
Du kratzt, du beißt, Fastenzeit vorbei.
Und wie du brennst, wie du fällst.
Alles wird perfekt! Alles! Alles!
Alles wird perfekt! So perfekt! So perfekt!
Alles wird perfekt! So perfekt! So perfekt!

Ehrlich gesagt habe ich zuerst gedacht: Nein! Ich hatte noch die Nachrichten aus dem Mittagsmagazin im Ohr. Diese Welt ist perfekt? Sicher nicht! Ich habe das Lied dann nochmal gehört, weil ich zwischen Texten über den historischen Jesus und den Fünf Säulen des Islam nicht richtig aufgepasst hatte. Und dann hat es mich irgendwie an Leibniz erinnert. Nicht den Keks, sondern den deutschen Philosophen, der zur Zeit der Aufklärung gelebt hat. Auf die Frage, wie denn ein Gott diese Welt mit all ihrem Leid geschaffen haben könnte antwortete er: Diese Welt, in der wir leben, ist die beste aller möglichen Welten.

Das muss man erstmal verdauen, wenn man die Welt so ansieht. Aber auch Leibniz hat die Welt nicht durch eine rosarot-verträumte Brille gesehen. Er hat sogar für die Philosophie das Leid und das Übel in der Welt in verschiedene Kategorien eingeteilt: Einmal die Tatsache, dass wir Menschen sterben müssen. Wir sind nicht unendlich, wie Gott. Das ist das metaphysische Übel. Dann das Leid durch Krankheiten und Tod, das physische Übel. Und dann das, was der Mensch selbst anrichtet: das moralische Übel. Leibniz hat also erkannt, dass die Welt kein Ort der reinen Glückseligkeit ist. Aber doch nennt er sie die beste aller möglichen Welten. Dabei ist wichtig: Nicht die beste denkbare Welt. Aber die beste Welt, die möglich ist.

Seine Erklärung befriedigt uns heute natürlich nicht. Es gibt Leid und Übel, das über all das hinausgeht. Wir müssen nur in unsere deutsche Zeitgeschichte in die Zeit des Nationalsozialismus zurückblicken. Die Frage nach dem Leid in der Welt, konnte in der gesamten Philosophie- und Theologiegeschichte noch niemand so beantworten, dass man damit zufrieden sein könnte. Die Frage lässt sich nicht auf der Ebene des Denkens lösen, weil man Leid nicht zuerst denkt, sondern fühlt. Sie betrifft mich so sehr, dass ich sie nicht durch Nachdenken aus der Welt schaffen kann. Vielleicht ist der Sinn des Nachdenkens darüber nur der, dass man die Fragen immer wieder stellt. Dass das Böse, das Leid, das Übel, dass sie nicht weggeschwiegen werden. Und das wichtigste, das steht ja in der letzten Zeile des Textes von Caspar: Alles wird perfekt. Das ist meine Hoffnung. Dass es am Ende perfekt wird. So perfekt! So perfekt!

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