Gott nahe zu sein ist mein Glück

Ein Mädchen. Ihre Haare flattern im Wind um ihr Gesicht. Vor und zurück auf der Schaukel. Immer höher. Der blaue Himmel ragt vor ihr auf. Keine Wolke. Nur blau. Nur der Wind. Und das Kribbeln im Bauch, wenn sie wieder runtersaust zur Erde. Schwung holen. Und nochmal. Noch höher. Ich erinnere mich noch genau, wie ich diesen Sommer selber auf einer Schaukel gesessen habe. Dafür ist man nie zu alt. Das wilde Gefühl, das einen durchströmt, wenn man durch die Luft zischt. Es ist ein bisschen wie Schwerelosigkeit. Pure Freiheit für einen kleinen Moment. Dem Himmel ganz nah kommen.

Genau so ein Bild habe ich auf einer Postkarte zur Jahreslosung für dieses Jahr entdeckt. Jedes Jahr steht unter einem Vers aus der Bibel. Dieses Jahr: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ (Psalm 73). Am vorletzten Tag des Jahres muss ich an diesen Vers denken. Und an die Postkarte. Und an das Gefühl, das sie in mir auslöst. Ein schönes Gefühl. Dieser blaue Himmel. Die Beine in den Himmel gestreckt. Wenn es immer so sein könnte…

Gott nahe zu sein ist mein Glück. Da frage ich mich zuerst: Was heißt hier eigentlich Glück? Ist es ein Glück, das ich duch Arbeit erlangen kann? Jeder ist seines Glückes Schmied, streng dich an, dann wirst du glücklich und wenn nicht, dann hast du dich nicht genug angestrengt? Ist es ein Glück, dass sich in Besitz äußert? Glücksgefühl? Glück gehabt, nichts passiert? All das kann sicher nicht gemeint sein, wenn im Psalm von Glück gesprochen wird. Ich glaube, dass dieser Satz mehr meint, als die Arten von Glück. Es ist so etwas wie Erfüllung des Lebens im Blick. Das, worauf es wirklich ankommt. Das, wo sich meine Hoffnung und mein Glaubern verankern können. Falls das als Antwortversuch erstmal ausreichen kann.

Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ihm nah kommen. Ich bin nah bei ihm. Wenn ich mich öffne, im Gebet. Wenn ich vor einer Operation nicht den Boden unter den Füßen verliere, weil ich mich nahe bei Gott weiß. Ich kann mich fallen lassen, im Vertrauen. Ich bin nahe bei Gott. Aber auch: Gott ist nahe bei mir. Er kommt mir nah. Wenn ich es vielleicht selbst nicht schaffe. Weil ich zornig bin über einen Verlust. Oder weil mich das Leben gelehrt hat, dass es etwas wie Gott, Hoffnung und Vertrauen nicht geben kann.

Ich sitze auf der Schaukel. Stoße mich ab. Fühle den Wind im Gesicht. Sehe den blauen Himmel und die Sonne durch meine halbgeschlossenen Lider. Immer höher. Mein Herz schlägt. Ich komme ihm ganz nah. Für einen Moment. Treffen wir uns in der Mitte. Wie Schwerelosigkeit muss es sein, wenn Gott mir nahekommt. Ein Augeblick. Nur ich. Nur er. Das ist es wohl, was der Psalmbeter gemeint hat: Gott nahe zu sein ist mein Glück.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s