Ein Licht aus der Vergangenheit

Als ich heute nach der Pause in die Klasse komme, stehen zwei Schüler an meinem Tisch und kramen in meiner „Relikiste“. Da ist mein ganzes Material für die Weihnachtsstunden drin. Einer der beiden hält den Krippenumriss aus Holz in der Hand. „Meinst du, da war wirklich ein Stern über dem Stall?“, fragt er. „Also der die Hirten dahingeführt hat.“ „Du hast die Könige vergessen“, meint der andere empört. „Ja, die auch. Aber ob da echt so ein Stern war. Weil überleg mal, wie viele Sterne am Himmel sind. Wie soll man da wissen, welcher das ist.“ Gute Frage. Da sind sie erstmal beide still. Der andere überlegt kurz: „Außerdem gibt es Sterne ja in echt auch nicht.“ „Hä?“ „Ja, die sind doch schon wieder weg, wenn man sie sieht. Die gibt es dann schon seit paar Jahren nicht mehr. Das hat mein Papa gesagt.“ Verblüffung auf dem Gesicht des Zuhörers. „Krass.“

Wie Kinder denken ist wirklich spannend. Ich möchte viel öfter mal Mäuschen spielen, so wie heute Morgen. Denn was sie fragen, macht ja Sinn. Ob es einen Stern gegeben hat? Und woher wussten dann eigentlich alle, welcher Stern es war? Die Kinder merken: Die Geschichte erzählt irgendwie nicht alles. Oder nicht genau genug. Hier muss ich selbst nachdenken. Ich habe mir dann natürlich auch meine Gedanken gemacht. Was hat das auf sich mit diesem Stern in der Geschichte?

Vielleicht ist der Stern ein Symbol. Sterne sind nur nachts am Himmel zu sehen. Wenn es dunkel ist. Dann leuchten sie und sind Boten aus einem fernen Universum. Es stimmt: Viele Sterne, die wir am Himmel sehen, gibt es schon gar nicht mehr. Sie sind wie ein Aufblinken aus der Vergangenheit. Kleine Lichter am dunklen Himmel. Das ist doch ein starkes Symbol in der Geschichte. Wovon die Menschen hier zum Stall geführt werden, ist das Licht. Sie folgen einem Licht, das in der Geschichte symbolisch als Stern bezeichnet wird. Und dann ist die Antwort für meine beiden Jungs: Ja, den Stern gab es. Die Menschen sind einem Licht gefolgt. Einer Hoffnung, einem Aufblitzen im Dunkel. So kann man das doch sagen.

Ich kann den Stern heute auch noch sehen. Als ein Aufblitzen aus der Vergangenheit. In all den Geschichten, die von dem Kind erzählen. An Weihnachten, wenn die Weihnachtsgeschichte gelesen wird. In den Kerzen am Tannenbaum. Ich sehe den Stern, der für mich noch leuchtet.

Das ist alles nicht wirklich? Längst Vergangenheit? Dann schau mal in den Himmel in der nächsten klaren Nacht. Siehst du nicht die Sterne? Und wenn du sie siehst: Sind sie dann nicht wirklich, nur weil es sie eigentlich nicht mehr gibt? Was du siehst ist ein Abglanz. Ein Licht. Ein Leuchten aus der Vergangenheit. Und das ist doch wirklich oder nicht?

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