Dämmerung

Ich war heute Morgen schon sehr früh mit dem Auto unterwegs, weil ich nach Landau ins Seminar gefahren bin. Da muss ich hier immer schon um 6 Uhr los und im Moment ist es dann noch stockfinster. Ich habe dreimal Last Christmas im Radio gehört, das erste Mal für dieses Jahr. Draußen begann es langsam zu dämmern. Tiefblaue Streifen mischen sich in den schwarzen Nachthimmel. Nebelschwaden hängen in den Tälern. Ein verschleierter Mond. Langsam zieht sich immer mehr helles Blau in den Himmel. Ich kann beobachten, wie es immer heller wird. Und dann: Tag.

Während ich mich zwischen hohen Waldhügeln auf der Landstraße durchschlängle denke ich an die Romantiker. Nicht an die romantisch Veranlagten unter uns, sondern an die Maler und Dichter der Epoche im 18./19. Jahrhundert. Denen hatte es die Dämmerung auch angetan. Caspar David Friedrich malt das beeindruckende Bild vom Spaziergang in der Abenddämmerung . Joseph von Eichendorff schreibt in seinem Gedicht dieses „Zwielicht“: Dämmrung will die Flügel spreiten, schaurig rühren sich die Bäume, Wolken ziehn wie schwere Bäume, was will dieses Graun bedeuten?

Die Dämmerung ist eine Schwellensituation. Ich bin zwischen Nacht und Tag, zwischen Tag und Nacht. Nicht richtig hell, aber auch nicht richtig dunkel. Und oft entwischt die Dämmerung meiner Wahrnehmung: Erst ist es dunkel und dann plötzlich hell, ohne dass ich den Übergang richtig wahrnehme. Diese Schwellenzeit hat etwas Magisches, etwas Geheimnisvolles. Vermutlich deshalb hat sie die Romantiker so angezogen. Das wird noch viel deutlicher, wenn man in der Dämmerung mal draußen in der Natur ist. Früher, als ich noch viel geritten bin, bin ich im Sommer mal ganz früh, vor der ersten Sonne losgeritten und habe die Dämmerung erlebt. Draußen. Allein in der Natur. Da habe ich mich tatsächlich ein bisschen gefühlt, wie auf den Bildern von Caspar David Friedrich.

Ich weiß gar nicht, warum mich die Dämmerung heute Morgen so besonders fasziniert hat. Vermutlich bin ich sonst einfach selten so früh und so lange mit dem Auto unterwegs, als dass ich sie mal erleben könnte. Aber als ich heute Morgen auf der Landstraße entlanggefahren bin, hatte ich viel Zeit, sie wirken zu lassen. Diesen Übergang von der Nacht zum Tag, den die Natur mir so deutlich zeigt. Nächstes Mal halte ich an. Vielleicht habe ich dann ein bisschen Zeit: Und wenn ich dann mitten in der Dämmerung stehe, im Nebel, der in meinem weißen Atem kreist, fühle ich mich vielleicht wie der Wanderer im Nebel und erinnere die Zeilen von Eichendorff: Dämmrung will die Flügel spreiten, schaurig rühren sich die Bäume, Wolken ziehn wie schwere Bäume, was will dieses Graun bedeuten?

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