Total verrückt

Vor ein paar Wochen habe ich im Bus einen alten Mann gesehen. Er redete laut, schimpfte, nuschelte und benutzte Wörter, die ich hier lieber nicht wiederholen will. Was mich auf ihn aufmerksam machte waren allerdings weder die Wörter noch die Lautstärke, sondern die Tatsache, dass er mit sich selbst sprach. Nicht leise, so wie ich das manchmal am Schreibtisch tue, wenn ich tief in Gedanken bin. Laut, ganz laut sogar. Er fand das überhaupt nicht merkwürdig. Vermutlich völlig normal. Vielleicht war er total betrunken. Oder er redete mit jemandem, den außer ihm keiner sehen konnte.

Entsetzte Blicke von den Seiten. „Der ist doch total verrückt,“ meinte eine Frau zu ihrer Sitznachbarin. Zustimmendes Kopfnicken mit angewidertem Gesichtsausdruck. Komisch war das ja schon, das gebe ich zu. Irgendwie war ich fasziniert und abgestoßen gleichermaßen. Ich musste hinsehen und wollte eigentlich gar nicht. Weil es so merkwürdig war. Völlig verrückt eben.

Aber als ich ausgestiegen bin, ist er mir nicht aus dem Kopf gegangen dieser Mann. Nicht, dass ich vorher noch nie Menschen mit sich selbst reden gehört hätte. Wenn man lange in einer Stadt lebt bleibt das nicht aus. Mehr Menschen, mehr Verrückte, das ist meine Theorie. Aber an diesen Mann musste ich auf dem ganzen Heimweg von der Bushaltestelle denken. Ich weiß nicht, ob er eine psychische Krankheit hat oder ob ihm das Leben einfach so übel mitgespielt hat. Aber irgendwas muss ja sein, wenn man in einem Bus laut mit sich selbst spricht.

Ich frage mich manchmal, ob das nicht eigentlich viel normaler wäre: Verrückt zu werden. Wenn ich mir das Leben anschaue, mit all den Dingen, die passieren und die manchmal kaum auszuhalten sind. Wenn ich mir die Welt anschaue und möglichst schnell wieder wegschauen möchte, weil ich gar nicht sehen will, was alles los ist. Ich frage mich, wie wir es alle schaffen, die Fassung zu bewahren und nicht verrückt zu werden. Verrückt sein, das heißt ja nicht automatisch, dass man psychisch neben der Bahn läuft. Es heißt: Ich bin ver-rückt. Nicht mehr am richtigen Platz. Verschoben worden. Habe mich weggerückt. Wurde weggerückt. Wie auch immer. Ich wundere mich vielmehr darüber, dass die Menschen nicht verrückt werden. Wenn man sich ansieht, was manche Leute aushalten müssen.

Vor einem Jahr habe ich einen Mann kennengelernt, der auf der Straße lebt. Er war Arzt, Chirurg in einem großen Krankenhaus. Und eines Tages, da ist ein Mädchen bei seiner OP gestorben, die war so alt wie seine Tochter. Und das hat ihn verrückt gemacht. Aus der Bahn geworfen. Alkohol. Scheidung. Krise. Straße. So schnell kann das gehen, dass man verrückt ist. Nicht mehr am richtigen Platz. Und deshalb wundere ich mich, wie wir es alle schaffen nicht verrückt zu werden. Wenn man betrachtet, was wir in einem Augenblick alles verlieren können. Dass wir das schaffen – irgendwie verrückt.

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