Gute Geschichten

Ich erzähle gern Geschichten. Vor allem in der Schule. Mit Kindern Geschichten zu erzählen ist etwas Tolles. Wenn man gut erzählen kann, dann macht man eine Tür zu einer anderen Welt auf. Und kann dann sehen, wie die Kinder durch diese Tür gehen. Sie sehen dann den blauen Himmel übersät mit abertausend funkelnden Sternen. Sie spüren die klirrende Kälte der Nacht und wärmen sich die Hände am knisternden Lagerfeuer. Sie fühlen mit den Hirten die Furcht vor den Engeln, die da plötzlich erscheinen. Mit großen Augen sitzen sie da. Sie sehen mich an, aber ich weiß, dass sie viel mehr sehen als mich. Sie sind mitten drin in dieser Welt, die ich ihnen öffne. Wenn sie sich darauf einlassen können, dann sind sie ganz nah bei dem Kind im Stroh. Und sie sehen die Tiere, als stünden sie gleich nebenan.

Manchmal glaube ich, ich bin gar nicht so viel anders als die Kinder. Zumindest manchmal. Es gibt Geschichte, die einen fesseln können. Wirklich gute Geschichte können das. Ich vergesse dann alles andere, ich bin mitten im Barcelona des frühen 19. Jahrhunderts oder fliege auf einem Hippogreif über London. Ich sitze mit Morrie am Sterbebett seines Lehrers und lasse mich in schottische Steinkreise saugen. Manche Geschichten können das. Und ich liebe es. Mich für eine Stunde oder eine Nacht ganz in einer anderen Welt zu verlieren. Und ich schlafe manchmal tatsächlich mit den Büchern unter dem Kopfkissen. Vielleicht weil ich ein kleines bisschen hoffe, noch etwas länger in der Welt bleiben zu können.

Ein wunderbarer Vorleser aus dem Buch Tintenherz formuliert das so: Das Buch wird anfangen, deine Erinnerungen zu sammeln. Du wirst es später nur aufschlagen müssen und schon wirst du wieder dort sein, wo du zuerst drin gelesen hast. Schon mit den ersten Wörtern wird alles zurückkommen: die Bilder, die Gerüche, das Eis, das du beim Lesen gegessen hast… Glaub mir, Bücher sind wie Fliegenpapier. An nichts haften Erinnerungen so gut wie an bedruckten Seiten.

Es gibt solche Bücher, die habe ich mit 7 oder 8 gelesen und wenn ich sie aufschlage, kann ich zu jedem Fleck eine Geschichte erzählen. Ich weiß, wo ich gesessen habe, als ich das Buch gelesen habe, erinnere mich an Gerüche und an Gefühle beim Lesen. Das können nur richtig gute Geschichten. Aber auch nur dann, wenn ich mich darauf einlasse. Wenn ich die Kinder beobachte, wie sie in einer Geschichte ganz versinken, dann bin ich froh, dass ich das noch kann. Manchmal zumindest. Bürgerin vieler Welten sein – eine Metropolitin, nur eben zwischen Papier und Tinte. Auch diese Welten erzählen mir und lehren mich fürs Leben. Wenn ich es schaffe, durch die Tür zu gehen. Das klappt nicht immer. Vielleicht ist die Geschichte nicht gut oder ich bin zu beladen mit meinen Gedanken. Aber wenn, wenn ich durch diese Tür gehe, dann ist es immer fantastisch. Und ich bin ganz überrascht, wenn ich wieder auftauche, dass es ja da auch noch diese wirkliche Welt gibt. Ohne Drachen. Ohne Anselmus. Ohne Menschenfresser. Aber doch auch ganz schön.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s