Der Spiegel Nerhegeb

In seinem ersten Schuljahr in Hogwarts entdeckt Harry in einem verborgenen Raum den Spiegel Nerhegeb. Viele Abende verbringt er vor diesem Spiegel, der ihm seine verstorbenen Eltern zeigt. Denn im Spiegel sieht man nicht, was wirklich ist, sondern das, was man von tiefstem Herzen begehrt. Nerhegeb – rückwärts gelesen: Begehren. Nicht die Person, die vor dem Spiegel steht ist zu sehen, sondern das, was sie am sehnlichsten wünscht. Albus Dumbledore warnt Harry davor, zu viel Zeit vor diesem Spiegel zu verbringen. Viele sind schon verführt worden, den Bildern, die sie im Spiegel gesehen haben nachzuhängen. Dabei haben sie das echte Leben aus den Augen verloren.

Dieser Spiegel hat mich schon als Kind fasziniert, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Den sehnlichsten Wunsch so greifbar vor Augen geführt bekommen ist wunderbar und gefährlich zugleich. Jjeder würde in diesem Spiegel etwas anderes sehen. Vielleicht kann man es überhaupt nicht wissen, bis man es tatsächlich sieht. Mit dem tiefsten Herzenswunsch ist das ja so eine Sache – man weiß eben nicht immer genau, was man am meisten will. Und tut sich deshalb oft so schwer, den richtigen Weg zu wählen. Denn vielleicht wäre der andere doch der richtigere…

Ach, wie hilfreich wäre da so ein zauberhafter Spiegel, der mir die Richtung zu meinem tiefsten Wunsch weisen würde. Zielstrebig auf das Richtige zugehen können, nie falsch abbiegen und Einbahnstraßen nehmen. Das könnte, so schön es auch klingt, bestimmt nicht funktionieren. Auch, wenn ich meine tiefste Sehnsucht erkennen kann, bewahrt sie mich nicht vor falschen Entscheidungen und Umwegen. Aber sie führt mich immer wieder zurück. Sie ist das Positionslicht, das ich in der Ferne blinken sehe. Ich kenne die Richtung. Da will ich hin. Den Weg aber muss ich noch finden.

Und wenn ich ehrlich bin, dann brauche ich sowas wie diesen Spiegel nicht. Im Grunde weiß ich, wo es hingehen soll. Und wenn nicht, dann merke ich es auch. Wenn ich meine Werte und Ziele aus dem Blick verliere, dann bin ich nicht bei mir. Etwas stimmt nicht. Ich bin sozusagen ver-rückt. Aus der Bahn gebracht, weil meine Ausrichtung nicht mehr stimmt. Und wenn ich ganz tief in mich hineinhöre, merke ich es auch. Dann muss ich mich wieder neu auf das Licht ausrichten, das ich von weitem sehe.

Was ich im Spiegel sehe? Vermutlich mich, mit einem Paar Wollsocken in der Hand.

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