Hoffen und Träumen

Manchmal bin ich hoffnungslos. Dann schaffe ich es nicht, mir Bilder auszumalen, die stark genug sind, um meine Hoffnungslosigkeit zu überwinden. Bilder, die mir Mut machen, doch weiter an eine bessere Welt zu glauben. Manchmal denke ich, nichts wird sich ändern. Leid bleibt Leid. Krieg bleibt Krieg. Die Menschen sind so gierig. Sie sind so machthungrig. Und dann kann ich nicht mehr glauben, dass es anders sein kann. Ich sehe beim Krankenbesuch nur die Tränen und sie ertränken mich fast. Ich sehe ein Kind, das andere schlägt, weil es das zu Hause so vorgelebt bekommt und ich bin ohnmächtig. In den Nachrichten hören ich nur Terror, Tod, Waffen, Mord, nichts sonst und ich denke, ich muss das Handtuch werfen.

Manchmal aber, da bin ich voller Hoffnung. Ich glaube, dass es anders sein kann. Sein muss. So wie heute. Heute habe mit meinem Relikurs einen Text aus dem Alten Testament gelesen. Jesaja. Jesaja träumt von einer besseren Welt. Von einer gerechten Zukunft, in der die schlimmsten Feinde sich versöhnen und in der alle Menschen gleich sind. Er malt Bilder von dieser Welt: Der Wolf steht neben dem Schaf auf der Weide und der Löwe frisst Stroh wie ein Rind. Was das wohl zu bedeuten hat, frage ich die Kinder. Ob das wirklich so sein kann?

Sie sind sich einig: Das ist ja schon Phantasie das Ganze. Eine Idee, aber nicht die Realität. Und dann sagt eine Schülerin: „Aber vielleicht sagt Jesaja das ja, damit die Menschen in der Welt nicht aufgeben. Damit die Armen nicht den Mut verlieren und immer noch dran glauben, dass es besser wird.“ Deswegen liebe ich die Arbeit mit den Kindern. Weil sowas passiert. Denn darum geht es doch oder? Ich brauche diese Bilder von einer gerechten Welt. Von einer Zukunft, die besser sein kann als das, was ich jetzt sehe und erlebe.

Bin ich deswegen eine Träumerin? Verliere ich die Realität aus dem Blick? Vielleicht. Ja, ich erlaube mir zu träumen. Die Realität zu verlassen und mich festzuhalten an Bildern, die mich immer wieder stark genug machen, meine Hoffnungslosigkeit abzuschütteln. Es ist nicht wichtig, ob und wann diese Bilder wahr werden können. Wichtig ist, dass sie mich aufrecht halten. Genau, wie es meine tolle und schlaue Schülerin heute gesagt hat: Nur so kann ich daran glauben, dass es besser wird. Dass es anders sein kann und nicht so sein muss.

Und dann sind meine Hoffnungsbilder nicht Opium des Volkes, wie es Marx mal genannt hat, sondern sie sind meine Antriebskraft zur Veränderung. Sie helfen mir, nicht das Handtuch zu werfen. Nur, wenn ich mir Bilder voller Hoffnung ausmale kann ich beim Krankenbesuch durch die Tränen hindurch reden und Mut machen. Nur so kann ich versuchen, dem Kind einen anderen Weg als Gewalt zu zeigen. Weil ich selbst an ihn glaube. Also such‘ dir Hoffnungsbilder. Mal sie dir aus und halt dich an ihnen fest. Träume von der Welt, wie du sie dir wünscht. Wenn nur genug Menschen träumen, ist wenig Platz für Hoffnungslosigkeit.

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