Beten ist loslassen

Ein Mann liegt im Krankenhaus. Er hat viel Schlimmes erlebt und gesehen. Nicht die schönsten Seiten des Lebens. Er liegt in einem Krankenzimmer, das Bett neben ihm ist leer. Sein Nachbar ist vor einer Stunde gestorben. Während er im Raum war. Plötzlich piepte es überall. Leute kamen gerannt. Er konnte nichts machen. „Das war so richtig scheiße!“, meint er.

Er ist dann runter in die Krankenhauskapelle gegangen. Warum wusste er auch nicht genau, aber irgendwie passte das für ihn. Und hat gebetet. Aber als er hoch kam, ging es dem Nachbarn immer noch nicht besser. Und dann, kurze Zeit später, ist er gestorben. Und jetzt stellt sich für ihn eine große Frage: Was bringt denn das überhaupt mit dem Beten? Er hat Gott gebeten, etwas zu tun, zu handeln, dem Mann zu helfen – und dann? Es ist nichts passiert. Obwohl er gebetet hat.

Das ist schwer auszuhalten. Ich flehe zu Gott, bitte verzweifelt und doch: Es passiert nichts. Oder schlimmer noch: Es trifft das ein, was ich um jeden Preis verhinden will. Das macht wütend. Wozu dann das Alles? Dann kann ich mir das auch sparen, meine letzten Hoffnungen in ein paar Worte zu legen. Vielleicht kommen sie überhaupt nicht an. Oder schlimmer: Gott macht eh, was er will.

Es war schwer für mich, eine Antwort für diesen Mann zu finden. Aber ich habe eine gefunden: Beten bedeutet für mich, etwas abgeben. Wenn ich selbst nicht mehr weiter weiß. Wenn mich Dinge so sehr belasten, dass ich sie kaum aushalten kann. Wenn ich mich hilflos fühle und nichts tun kann. Dann bete ich. Und ja, ich hoffe, dass meine Gebete ankommen. Ich hoffe, dass sie Wirkung zeigen. Aber viel mehr: Ich kann abgeben, was mich ratlos macht. Ich lasse los, was mich belastet. Ich bin nicht mehr ohnmöchtig, sondern kann etwas tun. Das Schwere ist nicht mehr bei mir allein, sondern ich habe es abgegeben. An einen, bei dem es sicher ist.

Was mit meinen Gebeten geschieht, weiß ich nicht. Beten funktioniert schließlich nicht wie ein McDrive. Aber Beten hilft mir, die Hoffnung nicht zu verlieren. Im Gebet stelle ich mich in eine Wirklichkeit, die mehr umfasst, als das, was ich verstehen kann. Und selbst wenn ich nichts glauben kann, dann hilft mir das Beten dabei, Dinge loszulassen. Ich werde leichter.

Im Griechischen heißt beten προσεύχομαι: etwas dahin/dorthin wünschen. Beten ist eine Bewegung von mir weg. Ich gebe etwas ab. Und dadurch gewinne ich neue Kraft, neues Vertrauen. Aus mir selbst. Indem ich loslasse, was mich schwer macht. Dietrich Bonhoeffer hat es mal so formuliert: „Ein Mensch, der betet, kann keine Angst mehr haben und nicht mehr traurig sein. Im Gebet ist Christus, ist Gott uns nahe.“

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Ein Gedanke zu “Beten ist loslassen

  1. Schöne Idee zum Beten.
    Kleine Korrektur vom Altphilologen 😉 Präposition προ(σ) ist nicht wohin/dahin. Es wäre dann eis oder en…
    Sondern: für, anstelle von, vor
    Ich leite aus προσεύχομαι folgende Abstraktionen zum Gebet ab: Ich bete für. Ich lasse mich ein. Ich bete anstelle von. Ich bete vor. Vor Gott. Genauer gesagt trete ich im Gebet vor Gott. Es ist vielleicht nur ein Millimeter näher oder noch weniger und doch ganz nah.
    Im Gebet geh ich in mich hinein.
    Also nicht nur loslassen, sondern ganz viel einlassen ☺

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