Die Angst überwinden

Tuğçe. Eine junge Frau stirbt, weil sie helfen will. Weil sie nicht wegschaut, sondern mutig ist und eingreift. Zivilcourage zeigt. Mitmenschlickeit beweist. Und zahlt einen hohen Preis: ihr Leben.

Was für eine Welt. Wie ungerecht. Wenn ich daran denke, empfinde ich Wut und Traurigkeit, Hilflosigkeit und auch Angst. Ich frage mich, wohin das führen soll, wenn jemand, der sich einmischt, Angst um sein Leben haben muss. Denn Tuğçe ist kein Einzelfall. Da sind mehr Namen. Viele mehr. Von Menschen, die helfen wollten, Leben retten und dann selbst mit ihrem bezahlt haben. Es wächst Angst. Angst einzugreifen aus Angst um sich selbst. Und gleichzeitig die Frage: Was, wenn ich es wäre? Wenn ich Opfer von Gewalt werde und keiner hilft? Wenn sie alle wegsehen und weitergehen? Es ist eine doppelte Angst. Angst davor, selbst zum Opfer zu werden – so oder so.

Ich kann niemanden verurteilen, der doch wegschaut. Der nicht handelt, sondern weitergeht. Angst kann stärker sein als der Wunsch zu helfen. Sie kann lähmen und jedes Handeln unmöglich machen.

Aber was ich tun kann und was ich tun muss, ist wieder und wieder zu sagen: Sei mutig. Schau nicht weg. Erinnere dich an deine Menschlickeit. Ich kann an die Verantwortung jedes Menschen appelieren: Auf dich kommt es an. Auf mich. Auf jeden einzelnen. Ich kann darauf hoffen, dass der Wunsch zu helfen stärker ist, als die Angst, selbst zum Opfer zu werden.

Ich lebe als Mensch in der Begegnung mit anderen Menschen. Nur so kann ich leben. Aber daraus wächst auch eine Verantwortung für den anderen. Nicht nur für meine Familie. Nicht nur für meine Freunde. Auch für den Fremden, den ich nicht kenne. Nicht nur für Christen gilt das Gebot der Nächstenliebe. Es gilt für alle. Denn es bedeutet nichts anderes, als dass ich als Mensch nicht auf einem einsamen Planeten lebe, auf dem nur ich existiere. Ich lebe in Beziehungen. In einem Land, in einer Welt, die mehr umfasst als mich allein. Und deshalb habe ich Verantwortung. Ob ich will oder nicht. Ob es mir gefällt oder nicht. Ob es mir Angst macht oder nicht. Es ist so.

Und dann ist es die Frage, ob ich es schaffe, meine Angst zu überwinden und ob meine Menschlichkeit stärker sein kann. Wenn ich an Tuğçe denke und an all die anderen, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen, dann kann ich nicht anders als zu sagen: Sei mutig. Zeige Zivilcourage. Tuğçe ist ein Vorbild für mich. Für mich als Mensch. Für mich als Christin, ganz gleich, welcher Religion sie angehörte. Sie hat ihren Nächsten gesehen. Deshalb darf der Mut nicht mit ihr sterben. Menschlichkeit darf nicht mit ihr sterben. Zivilcourage darf nicht mit ihr sterben. Sonst wäre doch alles umsonst. Der ganze Kampf gegen die Angst, gegen die Gewalt und für eine bessere Welt.  Die Mutigen, die Handelnden, die Verantwortung annehmen, säen etwas, das gegen die Angst wächst. Damit wir anderen, die noch nicht stark genug sind, sehen, dass es etwas Stärkeres gibt. Dass sie überwunden werden kann.

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