Ein Hauch von Ewigkeit

Heute ist der letzte Sonntag im Jahr. Zumindest gilt das für das Kirchenjahr – das endet nämlich mit dem Ewigkeitssonntag. Die Geschichte dieses Tages ist noch nicht sehr alt, es gibt ihn (und das ist für die Kirche vergleichsweise jung) erst seit dem 19.Jh. Der Gedanke dahinter: Am Ende des alten und am Anfang des neuen Jahres steht das Erinnern an das, was war. Gedenken an Vergangenes. In der evangelischen Kirche gedenken wir an diesem Sonntag der Verstorbenen. Immer, wenn etwas Neues beginnt, nimmt man das Alte nochmal in den Blick. Man denkt an das was war. Das, was mit dem Neuen zu Ende geht. Vergangenes. Nicht umsonst gibt es zum Neujahr so viele Jahresrückblicke überall in den Medien. Sich erinnern. Das ist unheimlich wichtig vor dem Schritt in das Neue.

Ich nenne diesen Tag lieber Ewigkeitssonntag, obwohl der verbreitetere Name vermutlich Totensonntag ist. Aber Ewigkeitssonntag klingt für mich viel hoffnungsvoller. Im Namen wird schon über den Tod hinausgedeutet Ich muss nicht dabei stehen bleiben, sondern kann darüber hinaus hoffnungsvoll sein. Als ich mit meiner Klasse darüber gesprochen habe, haben die Kinder eine Reihe toller Fragen gestellt. Und ich möchte euch daran Anteil haben lassen und an meinen Versuchen, Antworten darauf zu finden:

Wie lang ist die Ewigkeit?

Wann fängt sie an?

Wie kann ich sie mir vorstellen?

Ewigkeit ist ein Begriff, der sich außerhalb meiner Vorstellungskraft befindet. Meint Ewigkeit Grenzenlosigkeit oder Unendlichkeit? Dann wäre das allerdings nur eine Ausdehnung der Zeit, wie sie jetzt ist. Vielleicht ist das, was ich als Zeit kenne, was ich messen kann, was mir Stunden, Monate, Jahre vorgibt, nicht der Schlüssel, um den Begriff der Ewigkeit zu verstehen. Ewigkeit, das glaube ich jedenfalls, ist so viel mehr als das.

Es gibt einen Antwortversuch, der mir weiterhilft. Er regt mein Nachdenken an, obwohl er schon wirklich alt ist. Boethius, ein Theologe aus dem Mittelalter, versteht Ewigkeit als die ganze und vollkommene Anteilhabe am unbegrenzbaren Leben. Ewigkeit wird ohne Begrenzung gedacht: Ich habe Teil, ganz und gar, am ewigen, am unbegrenzbaren Leben. Und ich kann den Begriff der Ewigkeit denken, ohne dass ich zwischen Ewigkeit und Zeit unterscheiden muss. Ewigkeit ist das, was ich hier auf Erden schon ahnen kann. Was für mich in einzelnen Situationen spürbar wird –  aber ohne alle Grenzen.

Die Sekunde zwischen wach sein und einschlafen, in der ich zwischen Bewusstsein und Dasein schwebe.

Der Moment in einem Kuss, wo alles verschwindet außer mir und dem, den ich liebe.

Mir selbst im Gebet ganz nah kommen.

Völliges Vertrauen in einen anderen, mich ganz fallenlassen.

Wenn ich einen Menschen von den Toten zurückkehren sehe.

Jemand lässt einen über alles geliebten Menschen gehen.

Das sind Momente, mitten in der Zeit, mitten im Leben, die mich ahnen lassen, was die Ewigkeit sein wird. Sie hat etwas zu tun mit dem Hier und Jetzt. Und wird doch ganz anders sein. Es ist eine Ahnung davon, dass alles heil sein wird. Ganz. Vollendet. Hier bin ich wie ein unfertiges Puzzle. Ich ahne, was noch fehlt, damit das Bild vollendet ist. Und hoffe darauf, dass das, was ich hier nicht kann, ein anderer kann.

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Ein Gedanke zu “Ein Hauch von Ewigkeit

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